Familienbande

Vor einiger Zeit fand ich eine Mail in meinem Postfach, deren Absender nicht ersichtlich war, da die Mail über das Kontaktformular meine Homepage versendet worden war. Was mein Interesse erweckte, war die Betreffzeile – Verwandtschaft – las ich da. Welcher Verwandte von mir mag sich denn da auf meine Homepage verirrt haben? Das war meine erste Reaktion. Als ich das Formular öffnete, sprang mir ein Name entgegen, der mir nun gar nichts sagte. Der Familie kann man auf Dauer nicht entgehen, kam mir in den Sinn. Nein, das war nicht böse gemeint! Meine weitläufige Familie kann schließlich nichts dafür, dass ich ein ziemlich konsequenter Einzelgänger bin. Hat sich das im Laufe der Jahre bei mir entwickelt? Ich kann das nicht beurteilen, vielleicht war ich schon immer so. Meine eigene Kleinfamilie reicht, die familiären Bedürfnisse eines alten Mannes zu befriedigen. Die Kleinfamilie ist durch den Tod meiner lieben Frau noch einmal geschrumpft, aber mein inniges Verhältnis zu unserer lieben Tochter gleicht einiges aus. Der Inhalt des Schreibens rüttelte an meinem selbst gewählten Alleinsein – der Inhalt der Mail faszinierte mich. Der Schreiber berichtete, er sei ein Enkel von Karl. Er hätte meine Geschichte Das Schweigen gelesen und da er davon ausgehe, dass wir gemeinsame Vorfahren hätten, könne er mir Bilder des in der Geschichte erwähnten Ladens und Geschichten seines Großvaters über seine Eltern überlassen. Die Geschichte meiner Großeltern, die mir nur in Bruchstücken bekannt ist, interessiert mich natürlich; und ich gehe davon aus, dass Karl, der Bruder meines Vaters, mehr über seine Eltern gewusst hat, als ich. So antwortete ich umgehen. Ich ordnete den Schreiber zwar der falschen meiner Cousinen als Mutter zu, aber das kann vorkommen, schließlich habe ich die derzeitigen Familiennamen meiner recht zahlreichen Cousinen nicht in meinem Gedächtnis abgespeichert. Bereits kurze Zeit später erhielt ich eine Mail mit Anhang. Der Anhang enthielt, von meinem Onkel literarisch aufbereitet, die Geschichte seiner Eltern. Ich verschlang die Seiten regelrecht, denn sie lieferten mir Gewissheit über die Dinge, über die ich bisher nur spekuliert hatte oder, die ich mir zusammengereimt hatte. Überraschend waren für mich die, im Anhang enthaltenen Bilder. Diese Bilder kannte ich, denn ich hatte sie vor vielen Jahren bereits einmal in den Händen gehalten. Einige der Bilder habe ich damals kopiert und damit die Wand unserer Wohnung vervollständigt, die wir vor über 40 Jahren zu unserer Ahnengalerie auserkoren hatten. Die Ereignisse, die mir die Bilder in die Hände spielten, wurden beim Betrachten der uralten Fotos sofort wieder lebendig. Leider kann ich die neuen Erkenntnisse nicht mehr mit meiner lieben Frau teilen, die bei den Vorgängen, die mir die Bilder in die Hände spielten, eine interessierte Beobachterin war; und sie spielte sogar die entscheidende Rolle. Sie hätte das einleitende Telefongespräch einfach beenden können, denn schließlich konnte sie Anrufe von ihr unbekannten Personen absolut nicht ausstehen. Sie blieb aber am Apparat und so habe ich heute die Möglichkeit, das damalige Geschehen in eine kurze Geschichte zu verpacken.

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Das Ereignis, über das ich hier berichte, liegt lange zurück. Ganz genau weiß ich nicht mehr wann das war, es muss wohl im Jahre 2002 oder 2003 gewesen sein. Wir waren damals, das, was ich gerne, mit jungen Rentnern umschreibe. Ich war noch im Übergang zwischen Arbeitsleben und Rente, meine liebe Frau bezog schon einige Zeit Rente. Lebenshungrig, wie wir waren, reisten wir zu dieser Zeit häufig, aber ab und zu holte mich das Arbeitsleben noch einmal ein. So war es auch an diesem Tag. Einem Sonntag, der uns nur zu einem kleinen Rundgang durch die Gemeinde verleitete, denn das Wetter war zwar trocken, aber eher unfreundlich. Den ganzen Tag über war es dicht bewölkt und zwischenzeitlich mussten wir im Wohnzimmer sogar das Licht einschalten. Wir ließen den Tag an uns vorüberziehen. Nach dem Nachmittagskaffee verzog ich mich für einige Zeit zum Arbeiten ins Büro. Ich beschäftigte mich intensiv mit der Kodierung eines umfangreichen und komplizierten Programms und kam dabei überraschend gut voran. Das beruhigte mich ungemein, denn mein Kunde erwartete die baldige Fertigstellung. Nach einiger Zeit klingelte im Wohnzimmer unser privates Telefon, ich reagierte nicht darauf und kodierte in aller Ruhe weiter. Meine Frau, hob ab und ab und zu hörte ich mit halbem Ohr hin, was sie so sprach. Ich vernahm Sätze, wie – ja, den kenne ich – oder – sie war schon tot, als ich meinen Mann kennenlernte. Dann schwieg sie länger und hörte zu. Es ging eine Zeitlang hin und her und allmählich hörte ich aufmerksamer hin. „Ja, Andreas hieß der Großvater meines Mannes. Einen Moment bitte, ich rufe ihn… Bernd, kannst du bitte einmal kommen?“ Ich löste mich widerwillig von meinem Computer und fragte etwas misstrauisch, „wer ist denn am Apparat?“ „Da ist eine Frau, die meint, sie hätte Bilder deiner Familie gefunden“, sie reichte mir ohne weitere Erklärung den Hörer. Nachdem ich mich gemeldet hatte, vernahm ich die Stimme, einer ihrer Stimmlage nach, nicht mehr ganz jungen Frau, die einigermaßen aufgeregt klang. „Ich habe ein Couvert mit Bildern gefunden und bin bei der Durchsicht auf ihren Nachnamen gestoßen.“ „Wo?“, fragte ich, etwas verdutzt. „Ich bin mit dem Fahrrad über den Südring nach Hause gefahren. Ecke Kopernikusstraße lag das Couvert. Sie wissen, wo das ist? Es gibt dort einen kleinen Platz mit Bäumen.“ „Ja, ich stelle die Stelle.“ „Ich habe noch etwas gesucht und weitere Bilder gefunden, die wohl aus dem Couvert gefallen waren. Sie lagen auf dem Platz verstreut. Wenn sie interessiert sind, sie können gerne bei mir vorbeikommen und die Bilder einsehen. Ich wohne in Neuss.“ „Wir kommen gerne, wenn es ihnen nichts ausmacht, kommen wir sofort.“ „Ja, gerne!“ Die Frau teilte mir noch ihre Adresse mit, dann beendeten wir das Gespräch. Wir zogen uns zuerst einmal gesellschaftsfähige Kleidung über, ich suchte im Stadtplan nach der angegebenen Adresse und danach machten wir uns auf den Weg. Meiner Frau kamen unterwegs Bedenken und daher meinte sie, ein Mitbringsel sei mit Sicherheit angebracht. Mir leuchtete das zwar nicht ein, aber wo Frau recht hat, da hat sie eben recht. Aber sonntags am späten Nachmittag? Da blieb nur die Möglichkeit, einen Stopp bei einer Tankstelle einzulegen. Meine Liebste steuerte dort zielstrebig ein Regal mit Blumensträußen vor dem Eingang zum Shop an. Was sie dort vorfand, war eher zum Grausen, als zum Kauf geeignet. Sie ließ sich aber nicht beirren, während ich mich nur noch dazu durchringen konnte, die Bemerkung, die Sträuße wären wohl im Vorjahr gebunden worden, für mich zu behalten. Meine Frau suchte und suchte. Sie hob den einen oder anderen Strauß zu einer eingehenden Begutachtung an, stellte ihn wieder zurück, nur um einen weiteren Strauß zu begutachten. Schließlich war sie mit ihrer Auswahl zufrieden, hielt einen Strauß rosa Nelken in die Höhe und ging zur Kasse. Da ich mich in Neuss nicht besonders gut auskannte, musste ich etwas suchen, bis ich zur richtigen Adresse fand. Ich fluchte dabei leise vor mich hin, weil unser Auto noch nicht mit einem, der damals gerade aufkommenden Navigationsgeräte bestückt war. Auf unser Klingeln öffnete eine kleine schmale Frau mit fröhlichem Gesichtsausdruck. Sie begrüßte uns, ohne auf Formalitäten zu achten und stellte sich als Astrid vor. Danach meinte sie, wir könnten bei den Vornamen bleiben und zum “du“ übergehen. Sie führte uns ins Wohnzimmer. Auf dem Esstisch verstreut lagen Fotos in den unterschiedlichsten Formaten, ein großer Teil davon sehr alt – Sepiafarben. Als ich mich über den Tisch beugte, erkannte ich sofort, es waren Fotos meiner Vorfahren. Ich kannte nicht alle Personen - insbesondere viele der Personen auf den uralten Fotos waren mir unbekannt. Eins der Fotos mit mir unbekannten Personen nahm ich hoch, um es genauer zu betrachten. Es zeigte eine Familie in Sonntagstracht – alle blickten ernst in die Kamera. Den Familienvater meinte ich zu erkennen. Ja, es könnte der Halbbruder meines Opas sein. Ich bat meine Frau um Hilfe. „Guck mal Schatz, ist das der alte Auerschmied?“ Meine Frau betrachtete das Bild genau. „Nein“, sagte sie dann, „das Bild ist älter. Der Mann gleicht zwar dem Opa aus Auerschmied, aber der Kleidung nach? Nein, das kann nur sein Vater sein. Der Junge in der Mitte des Bildes dürfte dann der alte Auerschmied sein.“ Ich nickte, „ich glaube, du hast recht, der Mann ist der Vater des alten Auerschmied. Die eine der beiden halbwüchsigen Mädchen, muss dann die Tante aus Wolfratshausen sein.“ „Tante aus Wolfratshausen?“ „Die kennst du nicht, mein Schatz. Ich eigentlich auch nicht, ich sah sie einige Male in Auerschmied. Sie hat nie mit mir gesprochen. Für sie war ich ein illegitimer Abkömmling ihres Vaters. Aber unser Opa hat sich immer gut mit dem alten Auerschmied verstanden, sie waren Halbbrüder.“ Ich wandte mich wieder an die Gastgeberin. Sie war sich inzwischen sicher, dass sie uns die Bilder übergeben konnte, da ich wohl überzeugend dargelegt hatte, dass diese Bilder Vorfahren von mir darstellten. So schob ich die Bilder zurück in das Couvert und fragte sie dabei nach ihren Lebensumständen. Wir erfuhren, dass sie allein lebte, gerne mit dem Fahrrad fuhr und Geschichten schrieb. Sie erklärte danach, sie wäre der Überzeugung, dass an der Fundstelle sicher noch mehr Bilder lägen und bot sich an, mit uns zum Fundort zu fahren. „Aber bitte bald, bevor es dunkel wird“, sagte sie zum Schluss. So machten wir uns auf den Weg zur Kopernikusstraße. Sie zeigte uns die dort die Fundstelle in direkter Nähe zum Südring. Mir wurde klar, als Verlierer kam nur mein Onkel Karl, der ein paar Ecken weiter wohnte, infrage. Nur er konnte das Couvert mit den Fotos verloren haben. Dann begannen wir mit der Suche. Da es ziemlich windig war, war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Bilder weiter verteilt hatten groß. Die beiden Frauen nahmen sich die Rasenfläche unter den Bäumen gegenüber einer Häuserzeile vor, ich ging aufmerksam an der Gosse entlang. Nach einiger Zeit hatte ich vier oder fünf Bilder gefunden, dann dunkelte es und wir brachen die Suche ab. Auch die Frauen hatten noch einige Bilder gefunden. Im letzten Licht des Tages schaute ich mir die Funde an, einige Personen erkannte ich, ein Bild zeigte meine Oma im Kindesalter, auf einem anderen war ein Gehöft abgebildet – ihr Elternhaus. Ein anderes Bild zeigte ein Pferdefuhrwerk. Ein Mann, mit ziemlich beeindruckendem Schnauzbart, hielt eins der Pferde am Zügel. Es war die gleiche Person, die ich vorher fälschlicherweise als den alten Auerschmied identifiziert hatte. Ich schob die gefundenen Bilder zu den anderen ins Couvert, wir brachten die Finderin nach Hause und fuhren wieder heim. Der Finderin hatte ich versprochen, den Verlierer ausfindig zu machen und diese Versprechen wollte ich halten. Eigentlich waren die Bilder jetzt unser Eigentum und ich war kurz versucht, sie einfach zu behalten. Schließlich wusste der Verlierer nicht, dass die Bilder bei mir gelandet waren und der Finderin brauchte ich nicht unter die Nase zu binden, dass ich die Verwahrung der Bilder bis ins Unendliche ausdehnte. Diese Überlegungen ließ ich aber schnell wieder fallen, denn auf der einen Seite fand ich, der Onkel, den ich als Eigentümer vermutete, könne mehr mit diesem Schatz anfangen und anderseits kannte ich meine liebe Frau nur zu gut. Sie hatte viele gute Eigenschaften und eine davon war, sie hielt Ordnung. Das konnte aber auch leicht schiefgehen – so manches, was ich des Verwahrens wert fand und finde, ist im Laufe der Jahre nicht mehr auffindbar, heißt, sie hat es entsorgt. Dieser Gefahr wollte ich die Bilder nicht aussetzen. Wir machten uns also daran, eine gewisse Ordnung in die Bilder zu bringen und bildeten verschiedene Stapel. Also Auerschmied, Opa und Familie, Oma und Familie usw. Wir suchten die Bilder heraus, die in unsere Ahnengalerie passten, diese scannte und druckte ich. Meine Liebe rahmte die Bilder und suchte passende Plätze dafür in der Galerie. Am Montag hing ich mich ans Telefon. Meinen Onkel erreichte ich erst nach vielen Versuchen. Er bestätigte mir, dass es seine Bilder waren – er hatte sie bis dahin noch nicht vermisst. Ich brachte ihm das Couvert mit den Bildern, ließ mir noch einiges zu den abgebildeten Personen erklären und vergaß den Vorfall bis zu dem Tag, als ich die Mail erhielt.

Das Original der Geschichte findet Ihr hier

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