Neandertaler

Die Frage nach der Unendlichkeit kann ich nicht beantworten, weder literarisch, noch, wie von der Großmutter eines Freundes vorgeschlagen, anhand von Sandhaufen. Philosophisch komme ich vielleicht eines Tages zu einer eigenen Meinung. Diese Meinung könnte ich dann auch literarisch verarbeiten. Aber etwas in der Unendlichkeit der Evolution regt meine Fantasie an – bis vor rund 40.000 Jahren leben wohl zwei Arten von Menschen hier im Rheinland, der „moderne“ Mensch – Homo sapiens und der Neandertaler – Homo neanderthalensis. Von besonderem Interesse ist bei meinen Betrachtungen der Neandertaler. Das liegt wohl daran, dass sich der größte Teil meines Lebens nicht sehr weit der Fundstätte der Überreste des Neandertalers abgespielt hat.

Das Neandertal ich ein idyllischer Ort. Ich bin gerne dort gewandert, als ich noch jünger war und der Ort brachte mich zum Philosophieren darüber, wie der Neandertaler auf die Veränderung seiner Umgebung reagieren würde. Große Teile des Tals und seiner direkten Umgebung dienten und dienen dem Kalkabbau. Die Wohnhöhlen des armen Neandertalers sind zerstört, er wäre also jetzt obdachlos. Oberhalb des Tals befindet sich der Haltepunkt Neandertal der S-Bahnlinie von Kaarst nach Wuppertal. Öffentliche Verkehrsmittel ständen ihm somit problemlos zur Verfügung – vorausgesetzt, er verfügt über das notwendige Kleingeld, um einen Fahrschein am Automaten zu ziehen. Eine Kredit- oder EC-Karte könnte das Bargeld ersetzten.

Der größte Einschnitt in sein gewohntes Leben wäre aber wohl der Lärm des Straßenverkehrs. Die Landstraße, die das Tal durchquert, ist einigermaßen stark befahren (unterschiedlich, je nach Tageszeit und Wochentag). Das Überqueren der Straße ist nicht ganz ungefährlich. Es gibt aber einen Zebrastreifen, der bei der Jagd auf Mammute genutzt werden kann, aber nicht vergessen, trotz Vorrang auf dem Zebrastreifen, vor dem Losrennen nach links und nach rechts gucken. Bis das geschehen ist das Mammut dann sowieso weg und es gibt keinen Grund mehr die Straße zu überqueren. Was den Neandertaler aber auf jeden Fall in seiner Ruhe stören würde, wäre der Lärm. An den Lärm, den S-Bahn und Landstraße verbreiten, könnte sich dieser frühe Verwandte von uns vielleicht noch gewöhnen. Keine dieser Lärmquellen wird das Brüllen des Säbelzahntigers übertönen. Was aber ist mit dem Lärm, den die Autobahn verbreitet? Auf einer hohen Talbrücke überquert der sechsspurige Verkehrsweg das enge Tal. Die Autobahn schläft nie! Tag und Nacht dröhnten die Geräusche schwerer Lastwagen und schnell fahrender Personenwagen über das Tal hinweg. Der arme Obdachlose fände keine Nachtruhe und würde wohl heutzutage wegen fehlenden Schlafs aussterben.

Meine Abhandlung ist absolut unwissenschaftlich. Mammute lebten in den weitläufigen Steppen Eurasiens und dazu zählt das nun einmal Neandertal nicht. Ob der Säbelzahntiger je das Neandertal durchstreifte? Das habe ich nicht versucht herauszufinden. Lebte der aber dort, würde vielleicht spätestens jetzt der Neandertaler aussterben. Der Straßenlärm würde das Brüllen des Tigers übertönen und der arme Neandertaler wäre eine leichte Beute für das Raubtier. Gut, ich sehe es ein, der Begriff Raubtier ist auch überholt – Beutegreifer. Das macht aber für die arme Beute keinerlei Unterschied.

Was nun wirklich zum Aussterben des Neandertalers führte? Zu dieser Frage bin ich der falsche Ansprechpartner. Er hat viele Jahrtausende Europa bevölkert und sich parallel zum „modernen“ Menschen entwickelt. Hat er vielleicht die gleichen Fehler gemacht, die der „moderne“ Mensch derzeit macht? Ich meine die Unfähigkeit auf eine sich verändernde Umwelt zu reagieren. Beim Neandertaler war es vielleicht die Unfähigkeit von der Jagd auf Ackerbau und Viehzucht umzusteigen. Wer sich weitgehend von der Jagd ernährt, muss seiner Beute folgen, also ein nomadisches Leben führen, statt es sich in Wohnhöhlen gemütlich zu machen. Das ist die blanke Theorie eines Unwissenden. Aber da die Wissenschaft auch noch nicht die Lösung für das Aussterben unseres Verwandten gefunden hat, befinde ich mich in bester Gesellschaft.

Ein Freund bemerkte einmal scherzhaft, dass vielleicht die Frauen der Neandertaler den Homo Sapiens attraktiver fanden als ihre eigenen Männer, sich deshalb der anderen Menschenart zuwandten und die Neandertaler deshalb ausgestorben sind. Diese Theorie bestreite ich, denn niemand kann vorhersagen, wo die Liebe hinfällt. Trotzdem, es gibt eine Theorie, in der die Neandertaler als Fortpflanzungsmuffel eingestuft werden. Sie hatten zu wenig Sex? Das ist meine unwissenschaftliche Definition. Mit Fortpflanzungsmuffel ist ein komplizierter Vorgang gemeint, der Bottleneck (Flaschenhals) genannt wird. Das zu erklären ist mir zu kompliziert und so überlasse ich es meinen Lesern sich weitere Gedanken über den Neandertaler zu machen.

Das Original der Geschichte findet Ihr hier

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Kommentare

  1. Ich habe gelesen, dass man bei einigen wenigen Menschen, die nahe der Fundorte von Resten des Neandertalers leben, in deren Genen Übereinstimmungen gefunden hat. Da könnte man wieder ganz neue Schlüsse ziehen. LG

    1. Hallo Heide,
      das mit den Genen mag stimmen. Nein, es ist soweit ich informiert bin, ist in den heutigen Menschen wirklich Erbmaterial der Neandertaler zu finden. Da aber niemand weiß, welche Charakterzüge bei damaligen Menschen vorherrschten, wissen wir jetzt nicht, welche Schlüsse wir aus dieser Verwandtschaft ziehen können 🙂
      Gruß Bernd

      1. Hallo Bernd,
        Du hast sicher recht, dennoch sind die Neandertaler nach der Entdeckung der Genschnipsel in einigen von uns nun nicht ganz ausgestorben, ein bisschen leben sie in uns weiter. Das ist doch ein schöner Gedanke, nichts geht verloren, alles ist Weiterentwicklung.
        LG Heide

        1. Hallo Heide,
          vielleicht stammt der liebevolle Teil unseres Wesen von den Neandertalern 🙂 Woher sollen wir das wissen? Es könnte auch umgekehrt sein und uns wurden die kriegerischen Gene von ihr oder ihm mitgegeben.
          Es ist so, wie Du es schreibst, nichts geht verloren...
          Liebe Grüße
          Bernd

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