Bereit

Ein früher Sonnenstrahl fällt durch mein geöffnetes Fenster.

In der rechten Ecke des Fensterrahmens hat es sich eine Spinne bequem gemacht. Erschöpft vom weben eines Netzes in dem sie ihre Besucher empfängt.

Vom nahen Baum weht ein loses Blatt zu mir herüber .Kühle Morgenluft lässt mich etwas schaudern. Das Blatt vom Baum, noch feucht von der Nacht hat sich im Spinnennetz verfangen. Es scheint unansehnlich und fahl in der Farbe. Nun hat es das filigrane Meisterwerk der Spinne zerstört.

So schnell ist Etwas vergangen, auch das Blatt welches dieses Zerstörungswerk angerichtet hat.

Ich nehme es in die Hand und betrachte es nachdenklich. Rauh seine Aderung, kühl und doch zerbrechlich in seinem fahlen Gelb.

Entrissen dem Baum an dem es spross, sein Leben werden sah und lebte.

Vom Ast entrissen welcher es hielt, im Schutz und Halt gab. Bald zerbrechlich im Herbstbraun.

In meinem Finger gehalten streift ein Sonnenstrahl dieses vergängliche Leben. Es leuchtet mit letzter Kraft seines vergänglichen Seins, aufbäumend in einem golden, purpurrotem Farbenspiel.

Momente von Licht, Stärke und Wärme durchdringen mein Gemüt.

Ich möchte dieses Gefühl, diesen Augenblick festhalten. Für dunkle Zeiten einspeichern in die Seele.

Versonnen, doch auch etwas gebannt schaue ich das Blatt an, lasse es unbewusst meinen Fingern entgleiten.

Ein aufkommender Wind trägt es sogleich durch das Morgenlicht in die Weite. Tanzend trudelt es von der Sonne beschienen, rotgolden gefärbt in die Ferne.

Meine Gedanken fliegen mit ihm, es segelt zurück zur vergänglichen Natur, wird Humus für neues Leben.

Wissend um den Kreislauf des Seins, bereit Vergangenes loszulassen, schliese ich das Fenster und gehe in den neuen Tag.
(MB)

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