Ein Leben drei Frauen
Drei Frauen hatten sein Leben geprägt. Wenn er darüber nachdachte, war es für ihn, als hätte er drei Frauen geliebt. Sobald er in seine innersten Gefühle eintauchte, sah er es eher so, dass er immer noch drei Frauen liebte. Eine der Frauen ist seine Tochter, sie zählt also nur, weil sie, obwohl sie inzwischen über ein halbes Jahrhundert alt ist, von ihm mit väterlicher Fürsorge begleitet wird. Ja, er spürte und spürt es, dass diese Zuneigung nicht einseitig ist. Damit ist das Thema Tochter eigentlich hinreichend beschrieben. Es gab natürlich mehr Frauen, zu denen er liebevolle Zuneigung empfand oder die sein Leben beeinflusst hatten – Mutter, Großmütter und Tanten. Das erste Mädchen, das er begehrte – und dann noch das Mädchen, in das er sich verliebt hatte, das aber seine Liebe nicht erwiderte. Für sie war er nichts weiter, als ein netter, vielleicht etwas zu schüchterner Junge aus der Nachbarschaft. All das war eine ferne Vergangenheit, schließlich hatte er inzwischen all seine Altvorderen, um Jahrzehnte überlebt – um viele Jahrzehnte, und was aus den Frauen wurde, für die er erste Liebesregungen empfand, war ihm nicht bekannt oder es war ihm entfallen.
Die beiden anderen Frauen, sind die Frauen, die er mit Leidenschaft liebte und liebt. Die Mutter seiner Tochter begleitete ihn fast ein Menschenleben lang. Sie waren nicht füreinander geschaffen, aber Liebe und Zuneigung ließen sie das immer wieder vergessen, und so zählen diese vielen Jahrzehnte des Zusammenlebens eben dazu, dass er mit Fug und Recht sagt, diese Liebe war der Inhalt ihres gemeinsamen Lebens. Das gemeinsame Leben endete abrupt, wenn auch mit Vorankündigung. So stand er an einem windigen Frühlingstag vor dem Portal eines Krankenhauses und hatte das Gefühl, sein Leben wäre sinn- und inhaltslos. Die Nacht hatte er damit verbracht, die Hand der Frau zu halten, der seine Liebe galt und der er den größten Teil seines Lebens gewidmet hatte. Sie starb, er erhob sich von dem etwas wackeligen Stuhl, auf dem er die Nacht verbracht hatte, dankte dem Personal der Intensivstation für die Fürsorge, mit der ihm die Nacht erträglicher gemacht worden war, und wankte ins Freie.
In ihm war nur noch Leere. Er sah die geschäftigen Menschen, die für sein Gefühl völlig ohne Sinn hin und her eilten, und überlegte krampfhaft, wie er nach Hause kommen könnte. Zu Fuß zu gehen, war sein erster Gedanke, aber das Wetter war eigentlich für einen Fußmarsch ungeeignet. Den Bus hätte er leicht erreicht, er ließ ihn, ohne einzusteigen, fahren. Daraufhin ging er zum Taxistand, um sich nach Hause fahren zu lassen. Alles, was er danach tat oder plante, geschah so, als hätte es nichts mit ihm zu tun, und doch tat er es, denn es musste getan werden. Vielleicht lag es daran, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als einen Tag keinen Schlaf mehr gefunden hatte. Er fühlte sich nicht müde, hatte aber das Gefühl, er sei betäubt und fremdgesteuert.
Die Tage und Wochen danach verliefen öde, er war es nicht gewohnt, allein zu leben. Was alles in den folgenden Wochen geschah, hatte er verdrängt. Ihm wurde bewusst, dass er sein Leben neu organisieren musste. Also organisierte er. Er begann mit der für ihn einfachsten Übung – er reiste. Gereist war er schon immer gern, nur das Alleinreisen war ihm fremd. Er reiste viel, zwanghaft suchte er immer wieder neue Ziele, die er ansteuern konnte. Er reiste an Orte, die er schon lange nicht mehr besucht hatte. Es trieb ihn zu Orten, die er noch nie besucht hatte, und er staunte, wie relativ unbekannt ihm sein Heimatland war. Er reiste nach Frankreich, das Land, das er als zweite Heimat betrachtete. Da spielen auch familiäre Gründe eine Rolle. Schließlich lebt die geliebte Tochter in diesem Land. Sein Reiseziel in Frankreich umfasste also einen eng umgrenzten Bereich – den äußersten Südwesten dieses Landes, weil dort seine Tochter wohnt.
Mit Reisen war natürlich sein tägliches Leben nicht neu organisiert. Das Reisen hatte in seinem Fall etwas mit Davonlaufen zu tun – ähnlich, wie seine kilometerlangen Laufeinlagen, wenn er es in der Wohnung nicht mehr aushielt. Er hielt es oft nicht aus. So kamen für einen Mann seiner Altersstufe im Laufe einer Woche viele Kilometer zusammen. Sein Verbrauch an zum Wandern geeignetem Schuhwerk war und ist immer noch heftig. Mit der Zeit fand er sich aber immer besser in seinem Leben zurecht. Er wanderte weiterhin viel. Manche wohlmeinenden Menschen sagten ihm, er übertreibe. Er aber meinte, was kann ein Mensch gegen seine Unruhe Besseres unternehmen als zu versuchen, beim langen Gehen seine Gedanken zu ordnen? Aber gleichgültig, wie man dazu steht, das Laufen hat gewirkt. Der Trieb, zu verreisen, ging dadurch etwas zurück und seine Laufleistung wurde reduziert. Nur etwas, denn er hatte sich schon immer möglichst oft und gerne zu Fuß fortbewegt. Nach längerer Zeit kam er an einen Punkt, ab dem er sich darauf eingestellt hatte, den Rest seiner Tage allein zu verbringen. Neue Interessen waren hinzugekommen, sodass er nicht alle Tage damit verbrachte, seinem Alleinsein zu frönen.
Die Zeit verging rasch, sobald er sich auf sein neues Leben eingestellt hatte. Es wurde notwendig, einen Terminkalender zu führen. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet, nachdem er die Arbeitswelt vor Jahren hinter sich gelassen hatte. Er musste aufpassen, dass seine Reisepläne nicht mit den Terminen im Verein oder diversen Veranstaltungen kollidierten. Es funktionierte aber gut, und so kam seine Tochter wieder ins Spiel.
Sein Schwiegersohn starb im selben Jahr, wie die Frau, die er liebte. Seine Tochter war urplötzlich die Erbin eines großen Einfamilienhauses und eines noch größeren Grundstücks. Sie bot ihm die Einliegerwohnung im Erdgeschoss als Feriendomizil an. Er überlegte einige Zeit, ob das in seinem Sinn war, konnte sich aber dem Angebot nicht entziehen, so nahm er es an. Zu verlockend war es, eine Wohnung am Atlantik zu haben, die er ohne lange Planung jederzeit aufsuchen konnte. Es ging etwas ruckelig los mit seinem neuen Domizil in Frankreich, denn das Haus musste dringend saniert werden, und das dauerte. Die Wartezeit überbrückte er mit weiteren Reisen. Reisen in den Norden und in den Süden seines Heimatlandes. Nachbarn rieten ihm scherzhaft, seine Wohnung zwischenzeitlich zu vermieten.
Seine Tochter sanierte. Für seine wenigen Aufenthalte bei ihr mietete er jeweils eine Ferienwohnung. In ihrer Trauer waren sie sich nahe, aber es dauerte mit der Fertigstellung seiner Wohnung, und umtriebig, wie er nun einmal ist, füllte er weiterhin seine Zeit mit Reisen. Was er sonst noch gerne tat, kam auch nicht zu kurz. Das Vereinsleben wurde intensiv fortgeführt und er schaute und schaut sich immer noch in verschiedenen Seniorenforen um. Dabei kam er eines Tages eher zufällig mit einer Frau in Kontakt, von der ich nicht ahnte, dass er sie eines Tages leidenschaftlich lieben würde. Ich will aber dem Ablauf der Dinge nicht vorgreifen und berichte lieber davon, dass seine Wohnung in Frankreich endlich fertig wurde.
Die Wohnung war fertig, er beschaffte sich das nötige Mobiliar, das für eine Junggesellenwohnung erforderlich ist. Viele Wochen blieb er nach vollzogenem Einrichten der Wohnung in seinem neuen Domizil. Er nutzte gerne den Pool, lief durch die Wälder oder wanderte am Strand. Manchmal, wenn der Atlantik nicht zu wild war, traute er sich für ein Bad in den Ozean. Aber die Sache hatte jedoch einen Haken. Seine Wohnung war fertig, wenn auch noch nicht so ganz winterfest. Nur die Wohnung seiner Tochter war noch in der Mache. So beschlossen sie, um die Sanierung schneller voranzutreiben, dass er fernbliebe, damit die Tochter Mobiliar und sonstige Gegenstände in seiner Wohnung lagern konnte.
Wieder stand er vor der Frage, wie er seine Zeit verbringen konnte. Ihm fiel wenig dazu ein, also reiste er. Eines Tages kam die Idee auf, dass er sich mit der bereits erwähnten Frau, mit der er in ganz lockerem Kontakt über Mail und WhatsApp stand, einmal treffen könnte. Das dauerte. Zuerst passten ihre Termine nicht zueinander, dann erkrankte sie, was einen wochenlangen Krankenhausaufenthalt mit sich brachte. Sie blieb so lange im Krankenhaus, dass er ihr das Anbot machte, sie im Krankenhaus zu besuchen. Das lehnte sie ziemlich schroff ab. Nach ihrer Genesung, passte nach einigen Anläufen ein Aufeinandertreffen in ihre Terminpläne. Sie hatten recht ähnliche Interessen. So vergingen die drei Tage, die sie eingeplant hatten, wie im Fluge. Sie zeigte ihm einige schöne Stellen in ihrer norddeutschen Heimat und dann reiste er ab. Der Kontakt blieb weiter lose. Bis, ja bis seine Tochter ihm mitteilte, ihre Wohnung sei immer noch nicht bewohnbar. Das störte seine Reisepläne enorm. Noch einmal in eine Ferienwohnung zu ziehen, behagte ihm absolut nicht. So sann er darüber nach, wie er sich die Zeit vertreiben könne. Natürlich mit Reisen, das war klar, aber wohin? Einmal schrieb er seiner lockeren Beziehung von seinen Nöten. Sie schlug ihm vor, dass sie ein gemeinsames Wochenende verbringen könnten. Gesagt, getan. Das Wochenende verlief, wie gehabt. Der einzige Unterschied war, dass er sich inzwischen traute, in ihrem Gästezimmer zu nächtigen, was finanzielle Vorteile hatte; und er war unter Zeitdruck, da er bereits am folgenden Montag einen Termin in seiner Heimatstadt hatte. So war der Sonntag sein Abreisetag. Sie kochten gemeinsam zu Mittag. Es gab ein einfaches Gericht – Gemüse, Kartoffeln und Filets vom Seelachs. Gekocht wurde von allem eine große Menge, denn eine Enkelin und eine Urenkelin saßen mit ihnen am Mittagstisch.
Nach dem Essen war es an der Zeit, die Heimreise anzutreten. Sie saßen nebeneinander am Esstisch und er bekam nicht gleich den Dreh, sich auf den Weg zu machen. Eher unbeabsichtigt kam es zu einer leichten Berührung, während sie noch ein wenig miteinander sprachen. Eine Berührung, die ihre Welt veränderte. Die Heimreise verlief zähflüssig. Es kam ihm so vor, als sei er ohne Sinn und Ziel auf der Autobahn unterwegs. Noch in dieser Nacht wurde es ihnen zur Gewohnheit, dass sie sich zumindest einmal täglich per Videoanruf unterhielten, um sich ihrer Liebe zu versichern. Er hielt es nicht lange alleine aus, er regelte seine Sachen in der Heimat, setzte sich in die Eisenbahn und fuhr gen Norden. Die wenigen Wochen der Trennung hatten ausgereicht, dass sie das Gefühl hatten, sich nie wieder trennen zu wollen. Sie haben das durchgehalten, bis auf zwei Ausnahmen. Seine neue Liebe hatte zum Jahreswechsel eine Pauschalreise gebucht, die sie jetzt ihrem Gefühl nach gar nicht mehr antreten wollte. Aber die Reise war bezahlt und nicht mehr kostenlos zu stornieren, und sie reiste nicht alleine, sondern mit Bekannten, die sie nicht vor den Kopf stoßen wollte. So trennten sie sich kurz vor Weihnachten für zwei Wochen. Sie hatten in diesen Wochen das Gefühl, sie würden vor Sehnsucht zergehen. Das andere Mal, war es so, dass er seine Wohnung in Frankreich aufrüsten musste, damit sie dort gemeinsam leben konnten. Das war eine längere Prozedur. Er fuhr zuerst mit der Eisenbahn nach Hause, belud dort sein Auto und reiste altersgemäß in mehreren Etappen nach Südwestfrankreich. Dort benötigte er zwei Wochen und viel Schweiß, dann war die Wohnung geeignet, ein altes Paar aufzunehmen. Er trat die Heimreise an – die gleiche Prozedur wie bei der Hinreise, nur spiegelverkehrt.
Zur Zeit dieser Alleinreise nach Frankreich war ihre Liebe so weit gediehen, dass sie die lange Phase der Trennung kaum ertragen konnten. Die Trennung währte immerhin gut vier Wochen. Sie schworen sich, zu ihren Lebzeiten, sollte es nie wieder zu einer so langen Trennung kommen.
Endlich wieder im Norden Deutschlands vereint, machten sie ernst mit dem Zusammenleben. Sie behielten jeweils ihre eigene Wohnung und wechselten immer wieder einmal von der einen in die andere Wohnung. Mit der Zeit vermengten sich ihre Kleidungsstücke in den Schränken der beiden Wohnungen. Die Wohnung in Frankreich wurde auch so oft wie möglich angesteuert. Durch diese Lebensweise waren sie für ihr fortgeschrittenes Alter erstaunlich mobil.
Im Laufe weniger Monate entwickelte sich zwischen ihnen eine tiefe Verbundenheit. Eine Verbundenheit, die sich anfühlte, als seien sie bereits seit Jahrzehnten miteinander verwurzelt. Ihnen war bewusst, sie konnten nicht auf eine lang andauernde Beziehung hoffen – ihr Alter verbot diese Art von Träumen. Was sie nicht ahnen konnten – der Todesengel war ihnen schon sehr nahe. Sinnbildlich saß er neben ihnen, wenn sie sich abends die Zeit mit dem Kartenspiel vertrieben, wenn sie strickte und er mit großem Vergnügen in der Küche stand und kochte. Der Todesengel war in Wartestellung, so als hätte er noch nicht entschieden, wann, wie und bei wem er zuschlagen solle. Das alles nicht ahnend, machten sie weiterhin Pläne für große und kleine Reisen, planten Ausflüge in die Umgebung, planten, was sie in den nächsten Wochen gemeinsam kochen wollten, und erfreuten sich ansonsten an ihrem einander Nahe sein.
Das Sterben begann unspektakulär, ihr ging es schon einige Zeit nicht gut, was sie sorgfältig vor ihm verborgen hielt. An einem angenehmen Sommertag fühlte sich seine Liebe nach dem Nachmittagskaffee nicht wohl. Er hätte vielleicht stutzig werden sollen, als sie ihm vorschlug, an diesem schönen Tag hinaus auf die Geest zu gehen, während sie derweil einen etwas verspäteten Mittagsschlaf einlegen würde. Das war ungewöhnlich. Sie kannte und respektierte zwar seinen Bewegungsdrang, trotzdem war es ihr lieber, wenn er es sich mit ihr gemeinsam in der Wohnung bequem machte oder sie sich zu einer gemeinsamen Unternehmung in ihr Auto setzten. Deshalb hatte sie ihn bisher noch nie aufgefordert, sich über längere Zeit zu entfernen. Er wanderte, wie gewohnt, in schnellem Schritt. Zuerst durch die Auenlandschaft und danach über den Geestrücken. Eine nicht zu erklärende Unruhe trieb ihn aber an, sich vorzeitig auf den Rückweg zu machen.
Als er in die Wohnung kam, saß seine Liebe an ihrem Computer, und sie hatte bereits eine Maschine Buntwäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Das wunderte ihn, da er sie beim Mittagsschlaf wähnte. Gedanken oder Sorgen machte er sich darüber nicht, er nahm es zur Kenntnis. Das sollte sich kurz darauf ändern. Unerwartet wandte sie sich von ihrem Computer ab und zog sich, Hände und Füße zur Hilfe nehmend, auf ihrem Bürostuhl an den Esstisch. Sie sagte etwas zu ihm, er verstand sie nicht sofort. Sie sprach so undeutlich, dass er Mühe hatte, zu verstehen, dass sie um ein Glas Wasser bat. Das Glas, das er ihr reichte, konnte sie zwar zum Mund führen, aber es gelang ihr nicht, das Wasser zu schlucken. Er griff sofort zum Telefon, um den Rettungsdienst zu rufen. Sie gab ihm zu verstehen, dass sie das nicht wolle, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte, wobei er ihr half – es waren die letzten Schritte, die sie jemals in ihrem Leben gehen konnte. Sie sackte in sich zusammen und sollte sich danach nie wieder selbstständig fortbewegen können.
Die Minuten, zwischen dem Notruf und der Ankunft des Rettungsdienstes dehnten sich ins Endlose. Er stellte sich so, dass er sie stützte, damit sie nicht vollends hilflos auf den Boden sackte. Eigentlich wäre es jetzt eine kurze Geschichte, dann, wenn sie an diesem Tag gestorben wäre, aber sie starb zwar, aber ihr Sterben war ein Prozess von vier Monaten. Bis auf eine kurze Reise, bei der es um die Besichtigung einer Pflegeeinrichtung ging, besuchte er sie in dieser Zeit täglich – zuerst im Krankenhaus, später in der Reha-Klinik und noch später, in einem Seniorenheim. Er sah, wie sie von Tag zu Tag weniger wurde, und er versuchte, ihr Mut zuzusprechen. Bereits wenige Tage nach der Erkrankung fragte sie ihn unvermittelt, wie lange es noch dauere, wenn sie das Essen einstellen würde. Er glaubte, die Frage wäre rein rhetorisch gemeint – sozusagen als Möglichkeit, bei Bedarf das Leben zu verkürzen, erkannte nach einigen Tagen aber, sie war fest entschlossen, ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Sie aß nur noch kleinste Mengen, zu wenig, um einen Menschen ausreichend zu ernähren, sie nahm auch zu wenig Flüssigkeit zu sich – trank nur einen kleinen Schluck, wenn er ihr ein Wasserglas an die Lippen hielt. In den folgenden Wochen und Monaten war sie ausgesprochen fröhlich. Sobald er zu Besuch kam, wurde sie sogar recht munter. Es war aber nicht zu übersehen – mit jedem Tag entfernte sie sich mehr aus der Welt der Lebenden. Sie fühlte sich wohl, erzählte oft über den Tod und fand eine Formel für ihr Sterben: Ich gehe nach oben. Als die Ärztin zu einer Untersuchung zu ihr kam, wurden sie beide befragt, wie es weitergehen solle. Für sie stand fest, dass sie nur noch palliativ behandelt werden wollte. Er sollte daraufhin ein Formular unterschreiben, da sie ihn in ihrer Patientenverfügung bevollmächtigt hatte, für sie zu entscheiden. Da er wusste, dass sie dazu aber noch selbst in der Lage war, erklärte er ihr den Inhalt des Schreibens und gab ihr einen Stift in die Hand. Mit krakeliger Schrift setzte sie ihre Unterschrift an die dafür vorgesehene Stelle. Zufrieden lehnte sie daraufhin ihren Kopf zurück.
Sie aß inzwischen gar nicht mehr, und da ihr das Schlucken immer schwerer fiel, sank auch ihre Flüssigkeitsaufnahme gegen null. Manchmal gelang es ihm, ihr mit einem Teelöffel ein wenig Wasser in den Mund zu geben. Der Schluckreflex war vorhanden, aber es passierte auch leicht, dass sie sich verschluckte. Ein an einem kleinen Stiel befestigtes Schwämmchen, das in Wasser getaucht wurde, war das einzige sichere Mittel, ihre Mundhöhle sicher zu befeuchten. Hingebungsvoll konnte sie darauf herumkauen. Er hatte nicht den Eindruck, ihre geistigen Fähigkeiten ließen nach. Sie vergaß aber alle Personennamen. Zuerst vergaß sie ihren Nachnamen, dann die Namen ihrer eigenen Kinder und den Namen seiner Tochter, und zum Schluss fiel ihr auch ihr Vorname nicht mehr ein. Sie zog sich mehr und mehr in sich selbst zurück. Nur die Formel für ihren Tod hatte sie parat, solange ihr das Sprechen nicht zu schwer fiel. Sie ersetzte danach die Formel dadurch, dass sie mit dem Zeigefinger nach oben zeigte, sobald er ihr Zimmer betrat. Manchmal fragte er sie, wann sie gehen wolle. Sie formte dann mühsam ein Wort – morgen. Das und danach, ihr zum Mund geführter Zeigefinger, mit dem sie andeutete, dass sie geküsst werden möchte, waren in den letzten Tagen ihres Zusammenlebens ihre Begrüßungsrituale. Sie küssten sich oft in den letzten gemeinsamen Tagen und Stunden, die sie miteinander verbringen konnten. Es war die vielleicht intensivste Zeit, die sie miteinander verbrachten. Sie warteten, bildlich gesprochen, gemeinsam auf die Ankunft des Todes.
Der Tod kam wie ein alter Freund, auf den man lange gewartet hatte. Als sie starb, hatte er den Eindruck, sie sei eingeschlafen. Nur ihre Augenlider, die sich bis in ihre letzten Minuten hinein bewegt hatten, bedeckten nun unbeweglich ihre Augen. Von diesem Moment an starb auch er. Alles im Leben war für ihn sinnlos geworden. Der innere Antrieb, der ihn nach dem Tod seiner ersten Liebe auf Trab gehalten hatte, stellte sich nicht wieder ein. Er ließ sein Leben Leben sein und wartete lethargisch auf sein Ende.
Lethargie und nichts als Lethargie bestimmten den Rest seiner Tage. Nicht einmal, dass die Tochter zu Besuch kam, konnte ihn daraus erwecken. Morgens kaute er lustlos an einer Scheibe Brot herum. Schon die Kaffeemaschine in Gang zu setzen, war ihm an manchen Tagen zu viel Aufwand. An diesen Tagen trank er Wasser, während des lustlosen Kauens. Zu nötigen Einkäufen raffte er sich mühsam auf, auch einen kleineren Spaziergang unternahm er manchmal – lustlos wie alles, was er sonst noch tat.
An einem der letzten warmen Herbsttage setzte er sich ziemlich am Ende seines Spaziergangs auf eine Bank. Mit müden Augen blickte er auf die herbstlich bunten Blätter der Bäume über ihm. Nach einer Weile schlossen sich seine Augen, er fühlte sich wohl, Zufriedenheit erfüllte ihn. Seine Glieder wurden schwer, aber das spürte er nur noch im Unterbewusstsein – sein Kummer über den Tod seiner geliebten Frauen verging, er glitt hinüber in das Reich der Schatten.
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