Startseite Foren Literaturzirkel Frieda Antwort auf: Frieda

  • Constantia

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    21. September 2020 um 9:32

    Ich habe am vergangenen Wochenende das Buch über Elfriede Lohse-Wächtler gelesen und merke, wie es mich wohl noch lange beschäftigen wird.

    Die Geschichte der Künstlerin beginnt nur ca. 2 Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Sie flieht im Alter von 16 Jahren aus der Wohnung der Eltern zu einer Freundin. Sie findet Zuflucht bei einer Freundin, immer mit dem Wunsch “Ich will malen.” Die meisten Orte (z. B. Kunstgewrbeschule Dresden), die im ersten Teil des 244 Seiten umfassenden Buches genannt werden, sind mir wohl bekannt. Das Leben der Künstler-Maler-Welt eben.

    Sie lernt den Opernsänger und Maler Kurt Lohse kennen. Für sie eine Liebe fürs Leben. Trotz Wahrnungen der Freunde heiratet sie ihn. Keine glückliche Verbindung, aber sie liebt ihn doch …

    Lohse geht nach Hamburg, erkrankt, sie folgt ihm. Aber er hat sich schon innerlich weit von ihr entfernt. Sie erleidet 1929 nach kleinen beruflichen Erfolgen eine psychische Krise, kommt in die Nervenheilanstalt Friedrichsberg. Es folgt eine Zeit der Verarmung und Vereinsamung. Sie kehrt nach Dresden zu den Eltern zurück.

    1932 wird sie in die Landes-, Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf eingewiesen. Acht Jahre wird sie dort verbringen. Ich habe als Kind gemeinsam mit meinen Eltern dort einen Besuch geemacht. Eigentümliche Bilder sind da in mir zurückgeblieben. Ein riesiger Saal mit vielen Betten. Über eine abgeschlossene Tür durch diesen Saal geht es in einen Garten. Die alte Dame, der ich doch gut vertraut war, erkennt mich nicht mehr. Ich habe also auch hier ein Bild.

    Am 31. Juli 1940, Elfriede Lohse-Wächtler war im dem Glauben, dass sie sicher bald zu ihren Eltern zurück könne, wurde sie “verlegt”. Das Ziel die “Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein”. Hier starb sie noch am gleichen Tag.

    Heute befindet sich auf dem Sonnenstein eine Gedenkstätte. Als ich sie vor einigen Jahren besuchte, war ich entsetzt, geschockt, sprachlos. Ein solches Verbrechen unmittelbar in meiner Nähe. Es war eine der schlimmsten Vernichtungsstätten Deutschlands. 1940/1941 starben hier mindestens 14 751 Menschen. Darunter auch die Künstlerin. Die Ausstellung widmet sich den Opfern, der schweigenen Bevölkerung, der Schuld und noch weiteren Gesichtspunkten.

    Es ist schon ein Unterschied, wenn man ein Buch liest, dessen Inhalt so nah an einen herankommt.

    Und das Buch von Dagmar Fohl? Sie schlüpft in die Rolle von Frieda (wie die Künstlerin auch genannt wurde). Sie versucht, Friedas Blick auf die Welt, auf ihre Sucht zu malen, auf die Liebe zu Lohse. Sie schreibt sparsam. Zwischen manchen Absätzen ist viel Platz. Das muss sein, ich als Leserin brauche die optischen Pausen um Luft zu holen. Am Ende des Buches wird diese “Ich-Sicht” fast unerträglich. Für mich nur “fast”, für sie Realität.

    Nachdem ich das Buch zugeklappt hatte, zog ich meine Schuhe an, nahm meinen Schlüssel und lief zu dem Haus, aus dem sie geflüchtet war.

    Das Buch hat also sehr lokalen Bezug. Doch Elfriede Wächtler-Lohse war nur eine von vielen.

    Constantia

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