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  • Gezeiten der Liebe

    Von corinaistes am 17. April 2021 um 8:49

    Ein Mensch schreibt mitternächtlich tief

    an die Geliebte einen Brief,

    der schwül und voller Nachtgefühl.

    Sie aber kriegt ihn morgenkühl,

    liest gähnend ihn und wirft ihn weg.

    Man sieht, den Brief verfehlt sein Zweck.

    Der Mensch der nichts mehr von ihr hört,

    ist seinerseits mit Recht empört

    und schreibt am hellen Tag, gekränkt

    und saugrob, was er von ihr denkt.

    Die Liebste kriegt den Brief am Abend,

    soeben sich entschlossen haben,

    den Menschen dennoch zu erhören –

    den Brief muss diesen Vorsatz stören.

    Nun schreibt , die Grobheit abzubitten,

    der Mensch noch einen zarten dritten,

    und vierten, fünften, sechsten, siebten

    der herzlosen schweigenden Geliebten.

    Doch bleibt vergeblich alle Schrift,

    wenn man zuerst danebentrifft.

    Eugen Roth (1895-1976)

    corinaistes antwortete vor 4 Jahre, 9 Monaten 1 Mitglied · 0 Antworten
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