Gefährliche Blaubeerernte 1945

Aufregende Blaubeerernte im August 1945

Vier Freunde: Herbert, Willi und Markus, die Zwillinge und ich, hatten eine Idee.
Herbert, der älteste der Gruppe und gleichzeitig Anführer, hatte vor wenigen Tagen seinen 15. Geburtstag gefeiert. Die Zwillinge waren 11 und ich, als jüngster, gerade 9 Jahre alt, als wir beim Kühe hüten einen Entschluss fassten: Wir wollten Blaubeeren sammeln gehen. Dafür gab es in Espelkamp einen guten Platz. Nachdem der schwierigste Teil, das Überzeugen unserer Eltern geschafft war, hätte es eigentlich losgehen können. Schließlich hatten wir den Ausflug schon sorgfältig vorbereitet und uns mit großen, verschließbaren Milchkannen ausgerüstet. Mit Blick auf meine Schuhe gab Herbert jedoch zu bedenken: „Du, Georg, es ist ein weiter Weg, mindestens 7 km!“ Wie recht er hatte, meine Schuhe waren viel zu klein geworden! Das wäre ein schmerzhafter Spaziergang gewesen. So mussten meine Holzschuhe herhalten. Schnell nagelte ich Gummistücke von einem alten Autoschlauch darunter. Jetzt würde ich ohne zu klappern gut vorwärts kommen. An jedem Fuß wurden die Holzpantinen noch mit 2 zusätzlichen Einmachgummis für Weckgläser gesichert. Perfekt! Voller Erwartung marschierten wir zum Bahnhof nach Rahden. Von dort aus ging es schnurstracks an den Bahngleisen entlang. Als wir die Häuser fast hinter uns gelassen hatten, liefen wir – wie Kinder nun mal so sind - in einer Art Hüpfgang direkt auf den Schwellen weiter. Am Ziel angekommen, war das Gelände durch ein riesiges Metalltor verschlossen. Enttäuschung stand auf unseren Gesichtern! Getreu nach dem Motto: Hindernisse können überwunden werden, machten wir uns auf die Suche. Schon bald entdeckten wir eine Vertiefung im Boden. Hier konnten wir unter dem Zaun hindurchkriechen. Einige Zeit später stießen wir auf eine freie Fläche mit herrlich duftenden und reifen Blaubeeren. Das Pflücken machte großen Spaß, denn die eine oder andere Beere verschwand nicht in unseren Kannen, sondern im Mund. Auch Herbert trug zu unserer Unterhaltung bei. Er hatte viele Geschichten seiner Oma im Kopf, die er nach eigenen Vorstellungen, so wie es ihm gefiel und gerade passte, veränderte. Vertieft in seine Worte hörten wir gespannt zu. Doch plötzlich knackte es im Gebüsch und jemand befahl mit tiefer Stimme: „Stand up, boys!“ Zu Tode erschrocken fuhren wir herum. Hinter uns stand ein mit Gewehr bewaffneter Soldat. Sein finsterer Blick versprach nichts Gutes. --
Keiner von uns hatte mit so etwas gerechnet! Hätten wir das nicht müssen? 1945!? Nachkriegszeit!? In einem Sperrgebiet bzw. Munitionslager!!!? Doch, eigentlich schon, aber die Abenteuerlust war stärker. --
„Ah, blueberry, very gut“, hellte sich seine Miene unerwartet auf, und er lächelte uns an. Die Erleichterung, die wir verspürten, hielt jedoch nicht lange an, denn schon griff er zu seiner Pistolentasche. Vor Schreck stand uns der Mund, in den wir eben noch so fröhlich Blaubeeren geschoben hatten, weit offen. Hoffentlich erschießt er uns nicht, fuhr es mir durch den Kopf. Voller Furcht schaute ich die anderen an. Auch ihnen stand die nackte Angst im Gesicht geschrieben. Niemand wagte es, sich zu rühren. Ungeachtet dessen beschäftigte sich der Soldat weiter mit seiner Pistolentasche, öffnete den Druckknopf, hob die Lasche an, sah uns noch einmal forschend in die Gesichter und zog etwas längliches heraus. Doch was kam da zum Vorschein? Das konnte doch nicht wahr sein! Eine ganze Tafel Schokolade! Mit einem Augenblinzeln warf er sie Herbert zu, der die köstliche Gabe geschickt auffing. Unsere Gefühle fuhren Achterbahn: Angst, Schrecken und Erleichterung rasten an uns vorbei. Am Schluss überwog allein die Freude. Lächelnd verschwand der Offizier wieder im Gebüsch. Gott sei Dank, der Schock war bald überwunden, die Schokolade köstlich und etwas Besonderes nach dem Krieg 1945! Der Heimweg verging wie im Flug trotz gefüllter Kannen.

Espelkamp, 25.02.2007
Georg Trümper

Kommentare

Verstoß melden

Schließen