Das Spiegelbild

Grübelnd sitze ich vor dem Bildschirm, starre auf die Tastatur, soll- nein will einen Bericht über Wellness in meiner Homepage veröffentlichen! Doch der berühmte Groschen – sprich Geistesblitz - will und will nicht. Was verstehe ich auch schon von Schönheitsfarmen, Anti-Aging mit Resurfacing, Peeling, Facelifting, Eigenfettbehandlung, Eigenhaarumverteilung und dergleichen mehr? Absolut nichts… Lediglich – mehr eine Vorahnung – dass man halt nach einer solchen Schönheitsoperation endgültig vom Kalenderdatum weg, in weit jüngere Gefilde entschweben kann.
Abgelenkt durch derlei Überlegung, das eigentliche Thema außer acht lassend, schnapp ich mir die Digitalkamera. Es klickt vernehmlich, und schon habe ich mein eigenes Konterfei im Badezimmerspiegel abgelichtet. Flugs auf den Compi übertragen. Das Ergebnis, alles andere als erbauend, lässt echte Zweifel aufkommen, ob da mit plastischer Chirurgie noch was zu retten sei. Mechanisch gleitet der Retuschierstift über das Bild und- oh Wunder, mein Gesicht erstrahlt in altem Glanz. Ein herrliches Gefühl… Aber Halt! Ist das nicht Selbstbetrug?
Leicht frustriert wandere ich nochmal ins Badezimmer, betrachte meine Lebensrunen, denke mir: Hätte ich nur ne Erbtante, die ich anpumpen könnte um die schmal gewordenen Lippen und hängenden Mundwinkel aufspritzen zu lassen? Oder wäre vielleicht eine Gesetzesübertretung in Form eines Geldraubes besser, um all die Falten auszubügeln? Das Haar neu sprießen zu lassen? Wenn wir schon die Chance haben hundert Jahr alt zu werden, wollen wir doch auch noch gut aussehen!!!
Alles nur Wischiwaschi. Illusionen am Laufband, Sinnestäuschung, unerfüllbare Wunschbilder, fabulierte Träume. Unwillkürlich fällt mir ein Film ein, den ich in jungen Jahren einmal gesehen habe… Eine reife Frau verliebt sich in einen Bauchredner, der – eine hässliche Puppe am Schoß – täglich die Zuschauermassen begeisterte. Die Frau besucht jede Vorstellung, reist dem Bauchredner- wo auch immer er im Land auftritt, nach. Eines Tages fasst sie sich ein Herz und schreibt dem Bauchredner einen Brief. Der antwortet, und es entsteht in Folge eine wunderbare Liebesbeziehung. Zwar nur auf Papier, aber genauso romantisch, als wie wenn sie real wäre.
Eines Tages nimmt die Sehnsucht der Frau überhand. Sie bettelt den Bauchredner schriftlich so lange um ein reales Treffen, bis der schließlich einwilligt. Unmittelbar nach Ende der Vorstellung steht die Frau – die stets in der ersten Reihe sitzt – klopfenden Herzens auf und eilt dem Geliebten entgegen. Doch urplötzlich stockt der eilende Fuß. Die Frau bleibt wie angewurzelt stehen, dreht sich Augenblicke später um die eigene Achse und flüchtet förmlich, wie von Furien gehetzt aus dem Theater.
Was war geschehen? Nicht der interessante Mann, den sie nun Jahrelang begleitet hatte, stand auf, Nein: Der auf dem Schoß sitzende Gnom sprang von der überlebensgroßen Puppe, um seiner Briefbekanntschaft entgegen zu eilen….
Gesichter sind wie Märchen aus Tausend und einer Nacht, sie erzählen immer eine Geschichte. Eine Geschichte, ähnlich dem Regenbogen. Man kann nur ahnen wo sie beginnt, weiß nicht wo der Märchentraum endet. Irgendwo hab ich mal gelesen: Mit "dreißig" hat man (noch) das Gesicht, das man von der Natur geschenkt bekam. Ab "vierzig" hat man das Gesicht, das man verdient.
Nochmal der nachdenklich kontrollierende Blick in den Spiegel. Wahrscheinlich hab ich mir kein anderes Gesicht verdient…

Kommentare

  1. Oh je, so hab ich mich noch nie betrachtet.
    Du zeigst mir hier Möglichkeiten auf...
    Aber unters Messer lege ich mich nicht - hab mir grade 1 neue Hüfte einsetzen lassen müsse. Jetzt reicht´s!!!
    Dem einfallsreichen Poet ein liebes Grüßchen - ob mit neuem, oder altem Face....egal!
    Fühl Dich wohl mit "alten Knochen, neuen Falten",
    denn wir bleiben stet´s die ALTEN!!!

    Laß uns darauf das Glaserl erheben u. uns einen
    Kalterer See genehmigen - Prösterchen!

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