Vorausgegangen
Vor ungefähr drei Jahren veröffentlichte ich einmal meine Gedanken zum
Tod meiner Liebe. Jetzt gibt es leider einen aktuellen Anlass den Beitrag
erneut zu veröffentlichen. Ich habe ihn aus aktuellem Anlass erweitert.
Mehr erkläre ich nicht dazu, der Inhalt erklärt den Grund.
„Ich bin an der Erinnerung unheilbar krank“
Bela Winkens, Schauspielerin
geboren 1941
eine Überlebende der Shoah
In dankbarer Erinnerung an die
beiden Frauen, die ich liebte.
Vorwort
Ich habe lange gezögert, ob ich diese Texte veröffentliche. Er es sind eben sehr persönliche Zeilen. Aber ich glaube, es geht trotzdem. Ich habe in den vergangenen Monaten und Jahren viele ähnliche Texte verfasst. Die sind aber wirklich nur für mich bestimmt und im Falle meines Todes, vielleicht für meine Erbin. Darüber denke ich noch nach. Ich habe einen Testamentsvollstrecker eingesetzt. Es kann sein, dass ich ihn beauftrage, diese Textsammlung zu vernichten. Da die, hier veröffentlichten Texte, aber etwas anonym gehalten sind und von daher nicht direkt in die Textsammlung gehören, sehe ich kein Problem darin, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ein Schreiber offenbart schließlich mit jedem Text, den er öffentlich zugänglich macht, seine geheimsten Gedanken. Egal, ob er einen Krimi, einen Thriller, eine Liebesgeschichte oder eine Tragödie geschrieben hat. Ich bin da keine Ausnahme.
Als ich diese Geschichte im Juli 2023 fertiggestellt hatte, konnte ich nicht ahnen, dass mir gerade einmal drei Jahre später ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen und ich versuchen muss, den Verlust einer neuen Liebe zu bewältigen. Ich füge meine neuesten Gedanken zum Zurückbleiben, den damaligen, in einem neuen Kapitel hinzu, immer in der Hoffnung, dass ich durch das Schreiben, das mich oft überwältigende Gefühl der Trauer in geordnete Bahnen lenken kann.
An meine Frau
Warum bist du dieses Mal so weit vorausgegangen? So weit, dass ich dir mit den Augen nicht mehr folgen kann. Du bist so weit fort und trotzdem spüre ich dich mit jeder Faser meines Körpers. Ich weiß, eines Tages werde ich dich einholen, aber weder ich noch andere Menschen können wissen, wann das geschehen wird. In unseren vielen gemeinsam erlebten und durchlebten Jahrzehnten bist du oft vorangegangen, aber immer hattest du darauf geachtet, dass ich dir folgen konnte. Dieses Mal hast du mich zurückgelassen und ich kann es nicht begreifen. Warum?
Seit wir uns in Liebe vereinigt hatten, haben wir all unsere Wege stets gemeinsam bewältigt. Ja, du warst alles auf einmal – du warst die Umsichtige, die Mutigere und auch diejenige, die schneller entscheiden konnte als ich. So bist du oft vorangegangen, aber nie so weit, dass ich dich aus den Augen verlor.
Jetzt ist das anders. Mir fehlt dein Rat, mir fehlt deine Klugheit und mir fehlen deine nicht immer richtigen, aber immer spontanen Entscheidungen, damit es weitergehen konnte. Du weißt, ich bin ein zögerlicher Mensch, selbst da, wo schnelles Handeln gefragt ist. Du warst der erforderliche Ausgleich dazu. Wenn ich zögerte, gingst du voran. Ich durfte dich aber auch zurückhalten, wenn du allzu stürmisch in deinem Voranschreiten warst.
Deine Autonomie war dir immer wichtig und du hast autonom gehandelt, bis zu deiner letzten Entscheidung. Nein, keine Sorge, ich kritisiere das nicht. Wahrscheinlich hätte ich genau so entschieden, wenn ich in deiner Lage gewesen wäre. So bist du gegangen, gegangen auf deinen Weg ohne Wiederkehr. Ich habe dein Recht diesen Weg zu gehen verteidigt, obwohl ich das Gefühl hatte, dass man etwas Anderes von mir erwartete. Ich hätte dieses Recht verteidigt, mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen; und wenn es mich das Leben gekostet hätte! Doch sei beruhigt, niemand hat sich ernsthaft getraut, mich zu beeinflussen. Mir wurde nur eine einzige Frage gestellt, die habe ich anders beantwortet als erwünscht. Für mich war die Antwort klar, ich hatte es dir versprochen. So blieb mir nichts, als diese eine letzte gemeinsame Nacht. Sie wurde die längste Nacht meines Lebens und sie dauerte, bis du gingst und ich dir weder folgen konnte, noch folgen durfte.
Ja, ich weiß, du bist nur vorausgegangen. Voraus in die Unendlichkeit. Du bist vorausgegangen, weil sich dein Lebenskreis geschlossen hatte. Vielleicht hättest du noch einmal innehalten sollen, damit ich dir hätte folgen können. Nein, ich weiß, das geht nicht. Diesen Weg geht jeder Mensch für sich allein. Für einen selbst, ist das sicher der Moment, in dem alles getan ist, was zu tun war. Für die, die zurückbleiben, ist und bleibt es unverständlich. Aber ich bin schließlich selbst an einem Punkt in meinem Leben, wo alle Zukunft, die ich mir vorstellen kann, ein überschaubarer Zeitraum ist. Ein Zeitraum, der, wenn es gut läuft, ein paar Jahre dauert. Gemessen an meinem bisher zurückgelegten Weg, nur noch eine kurze Strecke.
Auf der größten Strecke meines langen Lebensweges hast du mich begleitet. Wir haben miteinander und füreinander gelebt. Dieser Teil des Weges ist zu Ende. Unser Lebensinhalt war das Füreinander und die Liebe, die uns verband. Am Ende war es eine einzige Nacht, nach der alles zu Ende war. Nach dieser Nacht stand ich orientierungslos auf der Straße und hatte keine Vorstellung davon, wie es weitergehen könnte. Ich habe mich neu sortiert. Anmaßend und verlogen wäre es, wenn ich an dieser Stelle von Lebensfreude sprechen würde. Nein, es ist etwas Anderes, das mich bewegt! Du kennst mich, die mir innewohnende Neugier treibt mich voran. Ich will wissen, was die Zukunft noch bringt. Will erleben, was mir das Leben noch zu bieten hat. Will wissen, was ich noch gestalten kann, und am Ende werde auch ich gestorben sein.
Ich sehne das Sterben nicht herbei. Aber im Moment meines Todes, habe ich dich eingeholt. Dieser Moment wird kommen, es mag noch dauern, aber der körperliche Verfall ist unaufhaltsam. Ich laufe dagegen an, ich stemme Gewichte, ich lese und schreibe, und doch weiß ich, in meinem Alter sind das nur noch Scheingefechte. Die Gewissheit, dass der Tod unausweichlich ist, hat für mich etwas Beruhigendes. Auch alt zu sein, empfinde ich nicht als Last oder Belastung. Es gibt keine Wahl, der Mensch startet in das Leben, mit einer unbestimmt langen Lebenszeit. Stirbt er im hohen Alter, sollte er das als Gnade empfinden. Auch du warst schon in einem fortgeschrittenen Alter, als du mir davongeeilt bist, und ich weiß, genau wie ich, hast du unseren langen gemeinsamen Weg als Gnade empfunden.
Ich will nicht weiter philosophieren und ich werde nicht erklären, was wir beide unter Gnade verstehen, das bleibt unser Geheimnis. So bleibt mir zum Schluss nur noch das Eine zu sagen: Blicke ich zurück auf unser Leben, so bin ich von Dank erfüllt.
An die Liebe meiner späten Tage
Du kanntest den Inhalt des ersten Kapitels dieser Schrift. Du hast meine Not verstanden und du hast mich aufgefangen; und doch bist du mir jetzt vorausgeeilt. Ja, ich weiß, wir haben es uns immer wieder eingeredet, dass unsere Zeit begrenzt ist, dass wir uns beide in einem weit fortgeschrittenen Alter befinden, dass wir unsere junge Liebe intensiv leben müssen.
Wir haben uns das nicht nur eingeredet, wir haben unsere kurze gemeinsame Zeit daran ausgerichtet. Und doch, als du schwer erkrankt bist und beschlossen hast, nicht gegen deinen Untergang anzukämpfen, traf mich das wie ein Keulenschlag. Ich habe nicht versucht, dich umzustimmen, ich hatte dir zu besseren Zeiten beim Verfassen deiner Patientenverfügung geholfen. Deine Einstellung zum Tod war mir also geläufig. Trotzdem wäre es mein innigster Wunsch gewesen, dass du dich umentschieden hättest. Ich wusste, das war Wunschdenken. So habe ich mich darauf beschränkt, dich in Liebe auf deinem steinigen Weg zu begleiten.
Im Gegensatz zu der Frau, die ich vor dir verloren habe, bist du über viele Wochen gestorben. Du warst nicht traurig darüber. Ganz im Gegensatz zu mir, der ich wusste, ich bleibe zurück und kannst du mich nicht mehr auffangen, wenn mich der Verlust unerträglich schmerzt – schmerzt, wie eine nicht heilende, eiternde Wunde.
An jedem Tag, an dem du dem Tode nähergekommen bist, hast du mir gesagt, dass du nach oben gehst. Immer hast du dabei mit einem Finger nach oben gezeigt. Ja, mein Schatz, ich wusste, du hast recht. So habe ich dich manchmal gefragt, wann es soweit sei. Deine Antwort kam immer prompt – morgen! Wir haben uns während dieser Zeit noch einmal sehr nahe gefühlt.
Je schwächer du wurdest, umso früher bist du abends eingeschlafen. Es waren lange und einsame Abende für mich. Wir hatten vor deiner Erkrankung die Gewohnheit gehabt, uns abends lange gemeinsam zu beschäftigen. Zuerst kartenspielend und zu später Stunde noch gemeinsam einen Film aus der Mediathek anzusehen. Da konnte es leicht ein Uhr in der Früh werden. So erlebte ich bereits bevor du dich endgültig von dieser Welt verabschiedet hast, einsame Abende.
Was hatten wir noch für große Pläne, all das ist Makulatur. Ich werde allein nichts davon verwirklichen oder fast nichts. Ich bewege mich lieber auf gewohnten Wegen. Neues zu erforschen, ist im Moment nicht mein Ding. Dazu braucht es einen Menschen, mit dem ich mich austauschen kann. Zumindest in meiner jetzigen Gefühlslage. Ja, ich bin neugierig. Trotzdem benötige ich zurzeit jemanden, mit dem ich mich über das Gesehene und Geschehene austauschen kann. Du konntest und hast das geleistet, denn auch du hast dich gerne ausgetauscht, aber das ist Schnee von gestern.
Erst im hohen Alter trafen wir aufeinander, das ist nicht das Ungewöhnliche an unserer Beziehung. Das Ungewöhnliche ist, dass wir in tiefer Liebe zueinanderfanden. Wir verliebten uns ineinander, die kurzen Phasen, in denen wir voneinander getrennt waren, waren eine Tortur. Ja, Tortur ist auch der Ausdruck, der meine Gefühlslage nach Deinem Weggang passend umschreibt. Mir fehlt Deine Nähe, mir fehlt unser Tagesplan, den wir bereits während unseres täglichen und ausgiebigen Frühstücks besprachen, mir fehlen die gemeinsamen Tage und noch mehr die Nächte mit ihren liebevollen Berührungen und mir fehlt sogar Dein Schnarchen.
Du bist, wie meine Geliebte vor deiner Zeit, in das Reich der Schatten gegangen. Da ich ein Mensch bin, kann ich nicht wissen, was nach unserem Ableben geschieht. Niemand weiß es, aber meine Vorstellung ist: Wer die Welt der Lebenden verlässt, geht über in das Reich der Schatten. Von dort dringt keine Nachricht in die Welt der Lebenden. Aber sonderbar, ich habe oft das Gefühl, ich kann meine beiden Frauen immer noch erreichen. Es ist vielleicht die innige Beziehung, die ich zu euch hatte, die mich wissen lässt, was eure Meinung dazu wäre, wie ich denke und handle.
Vielleicht gibt es ein Leben nach dem Tod und ihr beide habt euch im Jenseits getroffen. Wenn ich über euch beide nachdenke, glaube ich, ihr hättet euch zu Lebzeiten gut verstanden.
Genau, wie am Ende meines Briefes an meine geliebte Frau, spreche ich noch einmal von Gnade. Es war eine unerwartete Gnade, die uns beide zusammenführte. Der Rückblick auf die Zeit mit dir erfüllt mich mit Dankbarkeit, so verzweifelt ich auch über dein Gehen bin. Wenn ich an meinen weiteren Lebensweg denke, weiß ich, die zwei Frauen, die ich geliebt habe, haben es mir erst ermöglicht, dieses erfüllte Leben zu leben.
Lieber @BerndMoosecker Zwei Lieben in so kurzer Zeit hintereinander zu verlieren ist ein tragisches Schicksal. Aber wir können es uns nicht aussuchen. s wird dir auch niemand wirklich helfen können.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Schreiben in solchen Zeiten helfen kann. Nutze diese Quelle. Es muss ja nicht immer etwas dabei heraus kommen, was du anderen Menschen zeigen möchtest. Abends über den Tag nachzudenken und deinen Lieben erzählen, wie es dir an diesem Tag ergangen ist, nachdenken, was an diesem Tag doch schön war - irgendetwas wirst du immer finden. Ja, draußen spazieren gehen als Heilmittel kenne ich auch. Beides kannst du und beides tust du bereits. Darüber hinaus kann ich dir nicht raten. Helfen zu können, maße ich mir ohnehin nicht an.
Wir haben nicht mehr viel vor uns, die Zeit läuft uns davon. Aber Trauer braucht ihre Zeit und sie abzuwürgen ist keine Lösung. Ich wünsche dir die nötige Tapferkeit.
Mondin
Liebe @Mondin ,
danke für die Anmerkungen zu meiner Schreiberei. Ich habe wirklich viele Seiten zu meiner Trauer in den vergangenen Jahren geschrieben. Meist ähnliches, in dem ich meine Zeilen direkt an meine beiden Frauen richtete. Ja es hilft mir ungemein, wenn ich ihnen schreibe.
Es wird schon werden, aber es ist, wie Du schreibst. Trauer braucht Zeit, bevor sie sich in liebendes Gedenken wandelt - Gedenken ohne darunter zu leiden, wie es jetzt noch bei mir der Fall ist.
Bernd