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  • Victor Klemperer und Dresden (10)

     Constantia antwortete vor 4 Jahren, 3 Monate 1 Teilnehmer · 1 Senden
  • Constantia

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    30. August 2021 um 11:02

    In den Tagebüchern finden sich viele Namen und ebenso viele Schicksale. Nicht alle kann man bis ins Detail verfolgen.
    Zwei Namen begegnen uns immer wieder: Annemarie Köhler und Dr. Willy Katz.
    Letzterer, am 17. Dezember 1878 in Breslau geboren, hatte Medizin studiert und praktizierte ab 1909 in eigener Klinik als Allgemein-Mediziner und Sportarzt.
    Ab 30. September 1938 wurde allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Willy Katz, dem man inzwischen die Approbation aberkannt und damit die Möglichkeit zu praktizieren genommen hatte (wie allen jüdischen Ärzten), zum Krankenbehandler der jüdischen Bevölkerung in Dresden. Am 7. Juli 1939 durfte er als Krankenbehandler als einziger jüdischer Arzt seine Praxis auf der Borsbergstraße 14 wieder eröffnen.
    Ein Balance-Akt zwischen der Gestapo und den etwa 7 100 Juden, die zu diesem Zeitpunkt in Dresden lebten.
    In Victor Klemperers Aufzeichungen taucht er immer wieder auf. Anfangs kritisch beäugt vom Tagebuchschreiber, später freundschaftlich verbunden.
    Dr. Willy Katz überlebte die dunklen Jahre und setzte seine Arbeit nach dem Krieg an alter Adresse fort. Selbst gesundheitlich stark angegriffen wurde er als einer der Vertrauensärzte von der neuen Landesregierung für Striesen und Blasewitz eingesetzt. Im Januar 1947 verstarb und wurde auf dem Urnenhain in Dresden-Tolkewitz beigesetzt. Trauerredner war Victor Klemperer. Es gibt einige engagierte, geschichtsbewuste Bürger, die immer wieder dafür Sorge tragen, dass Erinnerungen erhalten bleiben. So wurde der Grabstein 2011 aus Spendengeldern restauriert und einige seiner ärztlichen Instdrumente befinden sich sein 1990 im Washingtoner Holocaustmuseum.
    Mir sind die Erinnerungen an den Arzt am Wohnhaus zufällig aufgefallen. Ich hatte schon mal darüber berichtet.

    Annemarie Köhler, geb. 1893 in Crimmitschau, studierte in Leipzig Medizin. Nach ihrer Approbation 1927 folgte eine Facharztausbildung in der chirurgischen Abteilung des Johanniterkrankenhauses Heidenau, 1932 bis 1937 warr sie dort Assistenzärztin. Anschließend arbeitete sie in einer Privatklinik in Pirna.
    Wie es zur Freundschaft mit Klemperers kam fällt in die Zeit vor 1933. Ich werde den Zusamenhang sicher in “Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum” (Tagebücher 1918 – 1932) finden. Dieser Teil fehlte mir bisher und will nun gelesen werden. Fakt ist, sie ist eine der Personen, der wir es verdanken, dass die Aufzeichnungen Victor Klemperers uns heute ein so umfängliches Bild geben. Sie versteckte in ihrer Praxis die Tagebuchnotizen, die ihr Eva Klemperer immer wieder anvertraute. Auch in finanziellen Angelegenheiten war sie wohl immer wieder eine Verbindungsperson. Wäre es zu einer Entdeckung dieser Papiere gekommen, es wäre das Todesurteil aller Drei gewesen.
    Im Zusammenhang mit ihrem Namen entdeckte ich auch Hinweise auf das Geschehen auf dem Sonnenstein in den Jahren 1940/41. Als ich das Buch “Frieda” vorstellte kamen wir darauf. So ganz unwissend kann die Bevökerung nicht gewesen sein, wenn Annemarie Köhler mit Victor Klemperer darüber gesprochen hat.
    “… erzählte Annemarie wieder vom Verschwinden der Leute auf dem Sonnenstein. Die Urne wird den Angehörigen zugestellt.”
    Ist eines der Zitate am 27. Okotber 1942. Zwei weitere Stellen habe ich gelesen, nicht gleich markiert und notiert und nun finde ich sie nicht wieder. Werde ich beim Finden selbstverständlich nachtreichen.
    Am 17. September 1948 starb Dr. Annemarie Köhler in Pirna.
    Eine Zeitungsmeldung des WochenKurier vom 9. Januar 2013 berichtet von der Enthüllung einer Gedenktafel in der Maxim-Gorki-Straße 16, der ehemaligen Adresse der Praxis Annemarie Köhlers.
    Internetseite der Stadt Pirna:
    Zu Ehren Dr. Annemarie Köhlers wurde heute (Meldung vom 30. 11. 2012) im Beisein von Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke eine Gedenktafel enthüllt. Mit dieser Erinnerungstafel wird ihr Engagement um den Erhalt der Tagebücher Victor Klemperers gedacht. Victor Klemperer gilt als wichtiger Chronist antisemitischer Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus.

    Die Fotos betreffen Dr. Willy Katz.

    Allen eine schöne Woche

    Constantia Face With Monocle

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