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Da war ja die Beschäftigung mit dem Thema Krieg in der DDR von den Anfängen umfangreicher. Wir lernten schon als Jungpioniere, was ein Antifaschist ist und wie er unter Einsatz seines Lebens versuche, den Nationalsozialismus zu stören. Mit in die Augen schauen meinte ich, dass im Dritten Reich unsere Eltern und Großeltern die Täter waren. Wir Deutschen haben gebrandschatzt und gemordet auf der Welt, um die Herrschaft zu erlangen. Da führt Reue bei einem Besuch eines Konzentrationslagers nicht zur Veränderung der Geschichte. Es hätte mein Opa sein können, der die vergasten Menschen als Leichen in den Ofen geschoben hat wie am Fließband. Oder der im Osten jeden Russen abknallte, um die Region vom Bolschewismus zu befreien. Frauen und Kinder wurden in den Dörfern zusammengepfercht, in ein Haus gesteckt und dann kamen Handgranaten darauf. Das waren eventuell meine Vorfahren, die das in Russland bewerkstelligt haben. Mir läuft da ein kalter Schauer über den Rücken wegen des Betroffensein, nicht wegen des Mitleids.
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@all, mir ging es nicht anders wie den meisten hier. Bis etwa 14 war in meinem Weltbild mein Vati, vermisst in Russland, der Gute mit dem traurigen Schicksal. Ein Stückchen Schokolade hob ich für ihn auf, bis es von Maden wimmelte. Was er in Russland wollte? Russland vom Bolschewismus befreien natürlich. – Erst als ich dann zu lesen begann, verstand ich allmählich. Auch die Geschichte von Anne Frank war für mich so berührend, dass mein bisheriger Kinderglauben auf den Kopf gestellt wurde. – Meine Mutter hatte doch nichts gewusst! Und in der Schule endete die Geschichte beim 1. Weltkrieg.
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Stimmt, in der Schule war Schweigen. Bei meinem Geschichtslehrer endete die Geschichte bei der französischen Revolution und danach schwärmte er vom Sonnenkönig bis zum Ende des Schuljahres.
Trotz dem „großen“ Schweigen habe ich ein paar wenige Menschen gefunden, die auf Fragen Antworten gaben. Der ersten war mein Religionslehrer, ich war ca. 16 Jahre alt. Die zweite Antwort, ich war 22 Jahre, war ein alter Mann, der auf der Bank nahe dem KZ Flossenbürg saß. Dritte Antwort war mein alter Herr und ich war 64 Jahre alt. Die Antworten waren schlüssig, nachvollziehbar und aufschlussreich.
GeSa
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Mein 1. Jahr in Hamburg nach der Flucht aus der DDR verbrachte ich hier:
https://orte-der-unsichtbarkeit.de/station/lettow-vorbeck-kaserne-i/
Es „roch“ förmlich noch nach Soldaten in den Stuben mit Stockbetten, in den Gewehrnischen, der Mannschaftsküche. Aber es fiel nicht ein einziges Wort darüber, oder überhaupt die Gründe unseres Hierseins an diesem Ort.
Damals kannte man den Begriff der Traumatisierung durch Kriegserlebnisse wohl noch nicht? Dabei waren vermutlich alle Erwachsenen betroffen. Mehr oder weniger in Schockstarre.
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In meiner Schulzeit gab es dieses Thema einfach nicht. Erst als junger Erwachsener war ich in Bergen-Belsen und Theresienstadt. Eine tiefsitzende Erfahrung!
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@Miez, @happyday, @SFath und alle, kann nur bestätigen, dass meine Generation kein bisschen von der Schule oder dem Elternhaus vermittelt bekam, was alles im 3. Reich bei uns um die Ecke passiert ist. Bin 50er Jahre geboren, aufgewachsen in Hamburg, da wurden als Kriegsthemen hauptsächlich zerstörte Gebäude und Mangelernährung thematisiert. „Bei uns um die Ecke“ dürft ihr wörtlich verstehen: Dort wurden Menschen gefoltert; die einen haben die Schreie gehört, die anderen nicht. Nun, ich war nicht dabei.
Mein allererster Kontakt zur historischen Wirklichkeit war die Lektüre des Tagebuchs von Anne Frank. Da war ich wohl auch etwa 14. Kein KZ-Besuch, keine Gedenkstätte gesehen. In der Presse und den Büchern zuhause kam das alles nicht vor. So verstörend wie es war, waren wohl alle Erwachsenen um uns herum komplett überfordert.
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@realo, ich nehme an, dass du höchstens 35 bist? Denn sonst solltest du doch z.B. Medienberichte über (nur ein Beispiel von vielen) Pegida-Aufmärsche mitbekommen haben? Oder meinst du, für rechtsradikal hätte Pegida nicht gelangt…?
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Glücklicher Weise gibt es auch Deutsche/Nichtjuden, die diese historisch einmaligen Verbrechen der Nazis weitergeben. Wenn wir weiterhin eine Demokratie in der BRD haben sollten, werden diese Verbrechen auch weiterhin in den Geschichtsbüchern stehen und somit nicht in Vergessenheit geraten. Sollte die AfD an die Macht kommen, ist es fraglich, ob der Holocaust noch erwähnt oder gar geleugnet wird, wobei die Nazis ohnehin nur „ein Vogelschiss der Geschichte“ waren (O-Ton Gauland). Was du mit deinem „…aber auch der Geschichte in die Augen schauen…“ @realo genau meinst, habe ich noch nicht verstanden.

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Bin ja ein eifriger Mediennutzer, aber rechtsradikale Aufmärsche sind mir nicht aufgefallen. Das letzte Mal, dass ich im Fernsehen Symbole aus der Nazizeit gesehen habe, war bei der Spielemesse. Da gibt es Spiele, die im dritten Reich angesiedelt sind und somit Hakenkreuzfahnen zeigen. Im Kommentar wurden sie in der rechten Ecke angesiedelt.
Die Juden, die den Holocaust überlebt haben, erzählen davon, damit es nicht vergessen wird. Es wurden sogar Hologramme angefertigt, damit die alten Menschen ihre Erfahrungen berichten können, bevor sie gestorben sind. Ich halte Erinnern und Mahnen für den richtigen Weg, dazu, gehört aber auch der Geschichte in die Augen zu schauen, ohne Scheuklappen.
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Moin @Miez, @happyday! es scheint also massive Berührungsängste und Angst vor Fragen gegeben zu haben.
Ich wußte aus dem Geschichtsunterricht zwar einiges über Attila den Hunnenkönig, habe auch Haithabu mit der Klasse besucht, aber sonst? Und dennoch – wer später, spätestens beim Auftauchen der Typen in Springerstiefeln und typischer Tätowierungen/Kleidung neugierig wurde, begann nach Hintergründen zu suchen.
Ehrlich gesagt macht mir das weltweite Aufkommen nationalistischer, rechtsradikaler Gruppen und Staatenlenker ziemliche Bauchschmerzen. Da ist die Büchse der Pandora geöffnet worden und niemand bekommt sie wieder zu.
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Diese Antwort wurde in vor 4 Monaten, 2 Wochen um
SFath geändert.
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Diese Antwort wurde in vor 4 Monaten, 2 Wochen um
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