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  • Dresdner Reden

    Von Constantia am 3. Februar 2020 um 11:17

    Wenn sich ein Jahr zu Ende neigt, erscheint die Liste der Referenten für die Dresdner Reden. Bei dem einen oder anderen Namen müssen Interessenten schnell sein, wenn sie eine Karte ihr Eigen nennen wollen. So war die gestrige Eröffnung mit Ulrich Wickert so ein Termin. Der ehemalige "Mister Tagesthemen" sprach über Identität und Heimat. Fast anderthalb Stunden fesselte er seine Zuhörer.

    Ein paar Dinge möchte ich rausziehen. Sie sind mir haften geblieben, während ich einige andere Dinge später noch einmal nachhören muss.

    Da ist der Deutsche, der seit Jahren in Amerika lebt und plötzlich sich ertappt, wie er in einem Interview auf Deutsch nach einem deutschen Wort sucht. Wieso fällt es ihm nicht ein? Verliert er seine Heimatsprache? Er geht zurück. Mir kommt der Gedanke, andere empfinden den Moment, wo sie in der "neuen" Sprache denken, kommunizieren, träumen als den Moment des Ankommens.

    Wickert erzählt aus seiner Zeit in Paris. Er sitzt mit einem Freund in, ach nein vor einem berühmten Café. Es ist einer dieser warmen Frühlingstage. Sie unterhalten sich auf deutsch. Am Nachbartisch nimmt eine ältere Dame Platz. Sie entledigt sich ihrer Jacke und auf dem nun freien Unterarm wird eine Markierung sichtbar, die auf eine Zeit in einem der Konzentrationslager hinweist. Wickert und sein Freund sind einen Moment sprachlos und wechseln dann vom Deutschen in die französische Sprache. Wenig später gehen sie. Betroffenheit, Schuldgefühle, die in Sprachlosigkeit münden. Als ich zuhause Wickerts Buch "Identifiziert Euch! aufschlage, finde ich auf der ersten Seite Folgendes "Was ist das für ein Land, in dem Juden von Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung empfohlen wird, die traditionelle Kopfbedeckung der Kippa in der Öffentlichkeit nicht zu tragen, um nicht körperlichen Angriffen ausgesetzt zu sein?"

    Er erzählt von der jungen Frau um die 40, die auf die auf eine Frage antwortet, sie sei nicht deutsch, sie eine Europäerin. Wickert überlegt, ob sie vor der Vergangenheit wegläuft und sich im europäisch sein versteckt. Ich bin Dresdnerin, Deutsche und auch Europäerin. Nein ich möchte keines der Drei weglassen. Vor allem aber bin ich Mensch.

    Wickert spannt den Bogen weit. Er fordert eine Vertiefung des Geschichtsunterrichts statt dieses Fach in einzelnen Bundesländern abwählen zu können. Und da wir im Osten Deutschlands sind gibt er auch der friedlichen Revolution und dem vereinigten Deutschland Raum. Er fordert auf, sich bewusst zu machen, welche geschichtliche und politische Leistung dies ist. Eine Leistung auf die wir in ganz Deutschland stolz sein können.

    Viele Zitate, eine Reihe von Namen kluger Köpfe. Mein Kopf "raucht". Die Rede von Ulrich Wickert wird noch lange in mir nachhallen. Da bin ich mir sicher.

    Ich habe in zwei Wochen die Möglichkeit einer weiteren Dresdner Rede zu lauschen. Dann wird Marion Ackermann, Chefin mehrerer Dresdner Museen, sicher nicht nur über Identität sprechen. von ihr erwarten die Zuhörer sicher auch Worte über den spektakulären Kunstraub.

    https://up.picr.de/37795210lt.jpg

    Ich wünsche allen eine schönen Tag und am Ende dann mit den Worten Ulrich Wickerts "eine geruhsame Nacht". Da nehme ich mal gern eine Anleihe bei der Journalistin der Zeitung, die diese Reden präsentiert.

    Constantia

    PS.: Die Reden sind mit etwas Verzögerung dann auch auf der Seite des Staatsschauspiels Dresden nachzuhören.

    Ist das nun Politik, Kultur oder Regionales? Ich setze es mal ins Open house.

    Constantia antwortete vor 6 Jahre, 1 Monat 1 Mitglied · 0 Antworten
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