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  • der Staat am Sterbebette

     SusiSoho antwortete vor 1 Jahr, 8 Monate 7 Teilnehmer · 13 Beiträge
  • senior.bonn

    Teilnehmer
    20. Juni 2019 um 20:04

    In Deutschland steht der Staat selbst am Sterbebette, die letzte Freiheit, die Freiheit selbstbestimmt über seinen Tod zu entscheiden, hat der deutsche Staat wegbefohlen, dafür gibt es den § 217 StGB. In Kürze wird sich das Bundesverfassungsgericht mit dem § 217 StGB befassen, weil viele demokratisch gesinnte Bürgerinnen und Bürger diesen Paragraphen für verfassungswidrig halten und deshalb Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt haben. Man kann nur hoffen, dass das höchste deutsche Gericht das menschliche Selbstbestimmungsrech gem.
    Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz höher einschätzt als die religions- und ideologiebestimmte Verbote und den § 217 StGB kippt, zumindest in seiner jetzigen Fassung nicht bestätigt. Wie notwendig aus humanen Aspekten die Möglichkeit eines selbstbestimmten Todes sein kann, zeigt der nachstehende Artikel. Oder soll man einem Menschen in einer derartgem Situation einen friedlochen, selbstbestimmten Tod verweigern ?

    https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/sterbehilfe-warum-ich-gern-natrium-pentobarbital-haette-a-1262914.html

  • Philosof

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 1:01

    Hallo zusammen,

    Eine alte Regel besagt dass der Blick in den Gesetzestext die Kenntnis erhöht:
    Strafgesetzbuch (StGB)
    § 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung
    (1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.
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    Datensch

    D.h. für mich dass der Staat nicht den selbst organisierten und durchgeführten Selbstmord ahndet sondern nur die geschäftsmäßige also gegen Vergütung Hilfestellung ahndet.
    Es geht also nicht um den sich täten wollenden Menschen sondern um den, der daraus auch noch ein Geschäft machen will. Im Absatz 2 werden explitit diejenigen – also z.B. die in der engeren Familien seienden Angehörigen oder Lebenspartner – benannt, die bei der Hilfe zum Selbstmord unentgeltlich tätig werden.

    vielleicht ist manchmal unser Staat nicht ganz so verkommen wie landläufig angenommen.

    Viele liebe Grüße

    Philosof, der keiner ist

  • SusiSoho

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 1:12

    Warum keine Vergütung, z.B. als Mitglied eines Vereins wie Dignitas?

    Ich halte die Formulierung "geschäftsmäßig" für ein Alibiargument, damit die religiös gebundenen Bundestagsabgeordneten über alle Fraktionen hinweg überhaupt eine Mehrheit bekommen haben. Das war eine Abstimmung, die ich der Fraktionsvorsitzenden meiner Partei, die maßgeblich am Gesetzestext beteiligt war, außerordentlich übel genommen habe!

    Im übrigen ist auch die Stellung des Arztes schlechter geworden, weil er ja auch eine Vergütung bekommt und selten nur einmalig Hilfe beim Sterben leistet.

    Wie Tisnet schrieb, hat sich in ihrer Umgebung ein lebensmüder (nicht unbedingt kranker!) Mann aus dem 6. Stock gestürzt, um selbstbestimmt sterben zu können. Das ist doch entsetzlich!

  • Philosof

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 17:39

    Lieber Veteran,
    ob der Selbstmord von Gunter Sachs menschlich war oder nicht wird erst klärbar sein wenn die Frage geklärt ist was eigentlich menschlich ist.
    Aber die Entscheidung zu einem Selbstmord ist vor allem sehr einsam. Die Entscheidung sich das Leben nehmen zu wollen ist wohl eine Entscheidung zu 100 % alleine. Diese Entscheidung kann mit keinem Fitzelchen von jemand Anderem mit entschieden werden.
    Auch wenn noch so viele – geschäftsmäßige, mitleidende oder laienhafte – Helfer und Helfeshelfer um den potentiellen Selbstmörder herum stehen, die Entscheidung zum todbringenden Momentum muss ganz alleine getroffen werden. Und da diese Entscheidung ab einem gewissen Stadium absolut unumkehrbar ist ist sie so entsetzlich einsam. Siehe den Todessprung aus dem 6. Stockwerk beim Beispiel von Tisnet. Wie verlassen und alleine muss er wohl gewesen sein als er oben im Fenster stand und vor sich die Fallhöhe und da muss er nun hinein. Mich schaudert es alleine bei diesem Gedanken und bestärkt mich in meiner Haltung nie mich selber wirklich umbringen zu wollen.
    Aber wegen seiner absoluten Endgültigkeit ist auch der aktive Selbstmord straffrei. Es gibt Zonen, Gebiete und Staaten auf diesem Globus da werden noch die Nachfahren eines Selbstmörders strafrechlich verfolgt; hauptsächlich finanziell.

    Viele liebe Grüße

    Philosof, der keiner ist

  • Webra

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 19:16

    "Statistiken zu Selbstmord und Sterbehilfe
    Veröffentlicht von Statista Research Department, 08.04.2019

    Der Begriff Suizid oder auch Selbstmord, Selbsttötung oder Freitod beschreibt die absichtsvoll herbeigeführte Beendigung des eigenen Lebens (ICD-10: X60-X84). Dies kann sowohl aktiv durch die Ausführung einer bestimmten Handlung, als auch passiv durch das Unterlassen lebenserhaltender Maßnahmen geschehen. Die aktuellen Fallzahlen liegen in Deutschland bei rund 9.800 Todesfällen im Jahr 2016. Damit sterben in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid als zum Beispiel aufgrund von Verkehrsunfällen, Drogen und HIV zusammen. Dem Statistischen Bundesamt zur Folge dominiert unter den gewählten Methoden die Selbsttötung durch Erhängen, Strangulieren oder Ersticken, wobei der am häufigsten für Suizide ausgewählte Ort die eigene Wohnung ist. Männer begehen über alle Altersgruppen hinweg signifikant häufiger Selbstmord als Frauen. Das statistische Durchschnittsalter von Selbstmördern lag 2016 für Frauen bei 58,4 und für Männer bei 57 Jahren".

    Diese Menschen haben doch bewiesen, dass die Selbsttötung
    auch ohne "gesetzliche Erlaubnis" möglich ist.
    Eine andere gesetzliche Regelung würde nur die Möglichkeiten zur Herbeiführung des Suizids erleichtern.

    Es gibt leider keine Statistiken darüber, wie viele Menschen von diesen Schritt abstand genommen haben, weil
    die genannten Suizidmöglichkeiten nicht unverzüglich zum Tode führen sondern mit minutenlangem Leide verbunden sind. Im nachhinein betrachtet geben viele später zu, dass sie froh waren, keine leidensfreie Tötungsmöglichkeit zur Verfügung gehabt zu haben. Sie haben wieder Mut zum Leben gewonnen. Hätten sie damals über einen Giftbecher verfügt, hätten sie davon gebrauch gemacht.

    Die Erschwerung eines Suizids kann oft auch Leben retten.

  • senior.bonn

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 21:00

    Hallo Philosof,
    ich vermute, Sie haben beruflich nichts mit der Juristerei zu tun gehabt, sonst wüßten Sie nämlich, dass Gesetzestexte und ihre Anwendung sich sehr häufig unterscheiden. So auch hier. Die Formulierung "geschäftsmässig" ist im vorliegenden Falle eine bewußte Irreführung. "Geschäftsmässig" hat mit der Absicht, Gewinne oder auch nur Einnahmen zu erzielen überhaupt nichts zu tun. Sie bedeutet nämlich nur "wiederholt" oder auch nur "einmalig aber mit Wiederholungsabsicht". Nachstehend eine Kommentierung des Gesetzestextes aus einer juristischen Fachzeitschrift. Bite sorgfältig lesen, Sie werden dann einsehen, dass Sie mit Ihrer Interpretation daneben liegen.

    "Geschäftsmäßig handelt, wessen Tun auf Wiederholung angelegt ist. Dieses schon vor Erlass des Gesetzes umstrittene Merkmal weist eine beträchtliche Unbestimmtheit auf, die den Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages sogar dazu bewogen hat, die Verfassungsmäßigkeit des neuen § 217 StGB in Frage zu stellen. In der Gesetzesbegründung spricht sich der Gesetzgeber für eine weite Interpretation aus: "Geschäftsmäßig" soll schon derjenige vorgehen, der eine Handlung zum ersten Mal ausführt, wenn dies "den Beginn einer auf Fortsetzung angelegten Tätigkeit darstellt". (BT-Drucksache 18/5373, S. 17). "

  • SusiSoho

    Teilnehmer
    22. Juni 2019 um 22:33

    Lieber Philosoph, JEDER ist im Tod allein, auch wenn noch so viele Menschen um ihn herum sind! Ich persönlich würde gern allein und ungestört sterben wollen, denn das ist MEIN Tod!

    Abgesehen von schwer depressiven Menschen haben wir alle, mehr oder weniger, die FREIHEIT, unseren Tod selbst zu bestimmen, sei es, weil wir lebensmüde sind, sei es, dass wir ab einem bestimmten Krankheitszustand dem Leiden ein Ende machen wollen u..v.m.

    Zum Freitod eines Körperbehinderten beispielsweise, der ein todbringendes Medikament nicht mehr selbst einnehmen kann, gehören auch Menschen, die ihm dabei helfen. Das sollten in erster Linie Ärzte sein, die den Zustand des Suizidanten nachvollziehen können.

    Die Entscheidung zu helfen, sollte von einem kleinen Gremium (ähnlich wie bei der Organentnahme) getroffen werden, das nicht unbedingt ehrenamtlich tätig werden müsste.

    "Ein höchstrichterliches Urteil verpflichtet den Staat, in Extremfällen den Erwerb tödlicher Medikamente möglich zu machen. Der Gesundheitsminister blockiert jedoch die Umsetzung des Urteils."

    Das ist ein unerhörter Skandal!

    https://www.wz.de/politik/inland/sterbehilfe-der-staat-verhaelt-sich-zynisch_aid-33450447

  • Philosof

    Teilnehmer
    23. Juni 2019 um 2:05

    Lieber senior.bonn,

    ganz so juristisch unbedarft wie Sie wohl vermuten – und ich Ihnen das auch mit keinem Jota übel nehme – bin ich als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Köln nicht.
    Wiewohl in meinem aktiven Berufsleben die Arbeits- und Sozialgesetze eher mein Metier waren weiß ich sehr wohl um die große Interpretationsfläch von Gesetzen als solchen.
    Aber ich betone nochmals dass ich ehrenamtlicher Verwaltungsrichter bin und insoweit nicht in die juristische Tiefe der Verwaltungsgesetzgebung eintauchen muss sondern eher die parktische Lebenserfahrung in die Unrteilsfindung und -begründung mit einbringen soll.

    So ist mir das auch bei der Reflexion der Beiträge zum Thema "der Staat am Sterbebette" gegangen. Ich hatte nach dem Lesen der ersten Artikel das Gefühl dass von den Diskutantinnen und Diskutanten der Schwenk in Richtung "der Staat will mir meinen Selbstmord untersagen" gehen würde. Das ist ja jetzt nun nicht mehr der Fall.

    Obgleich ich mich entsinne dass im Zuge der Gesetzgebung zu diesem Gesamtkomplex der deutliche Trend gegen die wirtschaftliche Verwertung eines Selbsttötungsgedankens und seiner Ausuführung ging.

    Damit bestreite ich Ihre erhellende Interpretation des Wortes "geschäftsmäßig" mit keiner Silbe.

    Viele liebe Grüße

    Philosof, der keiner ist

  • Philosof

    Teilnehmer
    24. Juni 2019 um 1:17

    liebe SusiSoho, /zu Deinem Beitrag vom 22.06.2019, 22.33 Uhr)

    ich denke beim Thema Tod sind wir an einer äußerst sensiblen und hochindividuellen Diskussion angekommen.
    Du schreibst dass Du bei Deinem persönlichen Sterbevorgang ganz allein sein möchtest. Das kannst Du natürlich in der schriftlichen Patientenverfügung festhalten und wirst wohl auch individuell Vorsorge dafür treffen, dass Dein Wille auch Realität wird.

    Ich dagegen möchte möglichst viele meiner Angehörigen und auch Freunde und wichtige Lebensbegleiterdirekt um mein Sterbebett herum haben und im Moment des Sterbens von möglichst vielen von den gehalten und getröstet werden. Ich bin mein Leben lnag immer wieder von Angehörigen und Freunden geleitet und ja auch getröstet worden. Ich möchte davon möglichst viele in der konkreten Sterbestunde um herum haben und nicht einsam und allein sein. Dann wird sicherlich mein Tod nicht komplett
    mein Tod sondern mein Tod wird auch durch die Anwesenheit von Angehörigen und Freunden mit gestaltet werden. Aber so habe ich immer auch gelebt.

    Au0erdem setzte ich große Hoffnungen in die Palleativmedizin.

    Wird schon alles schief gehen.

    Viele liebe Grüße

    Philosof, der keiner ist.

  • SusiSoho

    Teilnehmer
    24. Juni 2019 um 22:31

    Lieber Philosoph, ich kann Dich gut verstehen!

    Ich bin zu Lebzeiten schon so wunderbar in die Familie eingebunden, dass es zwar vorstellbar ist, dass sie mich auch in den Tod begleitet, aber ich wünsche mir das nicht. Aber "festlegen" in einer Patientenverfügung würde ich das nie!

    Aber ich bleibe dabei, dass ich es für wünschenswert halte, im Ernstfall einen assistierten Freitod begehen zu dürfen – und nicht nur ich, sondern alle, die das für sich als unausweichlich ansehen…

    Der Staat hat sich da rauszuhalten, ebenso wie bei der Organspende, auf die kein Anspruch besteht und auch nicht konstruiert werden darf!

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