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  • Wie konnte er nur sowas sagen?

    Von Webra am 22. Februar 2026 um 19:14

    Ich habe ihn bisher immer bewundert, den großen, deutschen Dichterfürsten. J.W von Goethe.

    Durch Zufall bin ich heute auf den Titel seines Romans: Der junge Werther gestoßen. Ich habe mich dann bei Wikipedia über den Inhalt näher informiert. Dieser Roman war ein Welterfolg. Die Hauptfigur hat aber aus Liebeskummer Suizid begangen. Die soll der Auslöser gewesen sein, dass viele junge Männer, die sich in einer gleichen Situation befanden, auch Suizid begangen.

    Dem Bischof von Derry, Lord Bristol, der Goethe ebenfalls Verführung zum Suizid vorwarf, entgegnete der Autor:

    „Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefaßt, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts Besseres thun konnten, als den schwachen Rest ihres bißchen Lichts vollends auszublasen!“

    – Johann Wolfgang Goethe: Gespräch am 17. März 1830 mit Friedrich Soret und Friedrich Wilhelm Riemer. Goethe berichtet von seiner Begegnung mit Lord Bristol im Juni 1797.[26]

    Wie konnte solch ein großer Geist sich so abfällig über das Tun dieser jungen Menschen äußern?

    EIN GENIE OHNE EMPATHIE!

    Webra antwortete vor 4 Tagen 6 Mitglieder · 9 Antworten
  • 9 Antworten
  • Webra

    Mitglied
    25. Februar 2026 um 10:33

    Hallo Carlinette,

    deine Schilderung wird sehr wahrscheinlich der Grund für Goethes Rechtfertigung sein. Vor einiger Zeit habe ich einen Fernsehfilm gesehen, in dem auch gezeigt wurde, wie in einem herrschaftlichen Haushalt eine Dienstmagd durch die Herrin wegen ihres Verhaltens zu 5 Stockhieben auf das Gesäß verurteilt wurde. Ausgeführt wurde diese Strafe durch eine andere Magd, die im Kreise der Dienstboten eine höhere Stellung hatte.

    Solch ein herrschaftlicher Haushalt war genau so organisiert, wie heute ein diktatorisch geführter Staat. Staatsgebiet war der Landbesitz. Staatsvolk waren die Dienstboten.

    Staatsgewalt waren die Herrscherschaften.

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  • Heigi

    Mitglied
    24. Februar 2026 um 16:13

    Als Ergänzung: Der Werther von Goethe wirkt bis heute. In den 70ern des 20. Jhdt. erschien der sehr erfolgreiche Roman und seine spätere Verfilmung „Die neuen Leiden des jungen W.“ Ich besitze das Buch, in dem der DDR-Autor Ulrich Plenzdorf einen nicht staatskonformen jungen Mann schildert, der zufällig – auf der Toilette! – den Goethetext findet und liest. Das weiß er allerdings nicht, denn das Blatt mit dem Namen des Autors wurde schon Zweck entfremdet benutzt. Wie es das Schicksal will, erkennt er sich in dem echten Werther teilweise wieder und stirbt am Ende durch einen Unfall (oder war es doch Suizid?).

  • GSaremba61

    Mitglied
    24. Februar 2026 um 11:37

    23. Februar 2026 um 20:14

    Lieber Webra, Liebeskummer – psychisch krank? Ist das nicht ein wenig weit gegriffen? Kennst Du jemanden, der noch nie Liebeskummer hatte? Nach Deiner Einschätzung denke ich mal ist 50% der Menschheit psychisch krank und das täglich.

    Wie @Carlinette beschrieben erstens die Zeit und zweitens die Interpretation von Aussagen sind nicht zu unterschätzen.

    GeSa

  • Carlinette

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 20:42

    Hallo @Webra, dein Thema ist interessant, in meinen Augen v.a. weil es zeigt, wie sehr sich die Wertvorstellungen im Laufe der Zeit verschieben. Freiheit, Freundschaft, Bildung, Musik usw. standen zu JWGs Zeiten in hohem Ansehen. Gleichzeitig wurden fast alle Menschen ausgebeutet, außer einer sehr dünnen Oberschicht. Selbstverständlich hielt man sich in diesen Kreisen für etwas Besseres, aber es gab eben auch fast nirgends ein Vorbild, wie es besser zu laufen hätte.

    Es gilt eigentlich für alle Schriften aus vergangenen Zeiten: Wenn wir sie nicht zunächst im Kontext ihrer Zeit betrachten, messen wir sie mit Maßstäben, die es damals noch gar nicht gab. Das nennt man… Anachronismus!

  • Webra

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 20:14

    Das hätte ich nicht gedacht, dass jemand, der psychisch kranke Menschen als geistig beschränkt, Dummköpfe und Taugenichtse bezeichnet, obwohl er sie nicht persönlich kennt und es noch gutheißt, dass sie sich getötet haben, soviel Verständnis für diese Aussage erhält. 😢

  • GSaremba61

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 17:56

    Wie konnte er so etwas sagen? Weil es Unsinn ist ihm vorzuwerfen den Suizid zu fördern. Das hat mit Empathie wenig zu tun.

    Bedenke mal, was in dieser Welt alles geschehen würde, wenn man Romane als Vorbild nehmen würde. Das Chaos möchte ich nicht erleben, denn es ist so schon groß genug.

    GeSa

  • Heigi

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 16:17

    Abgesehen davon, dass viele Goethe-Biografen dem Dichterfürsten weniger Empathie als Egozentrik und Arroganz zusprechen, ist es Quatsch, dem Autor eines Romans Anregung zum Suizid vorzuwerfen. Ich finde die Antwort an den Bischof nicht so schlimm. G. war ja noch ganz jung, als er das Werk „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb, es war Schullektüre für mich und wir lernten, dass sich die Zeit der Entstehung „Sturm und Drang“ nannte, in der Musik nannte man sie „Empfindsamkeit“. Männer durften damals am Busen des Freundes noch weinen. 😉 Jedenfalls löste das Werk damals eine Art (Massen)Hysterie aus. Heute sind es bestimmte gefährliche Foren, die junge Menschen zum eigenen Suizid verführen, mit dem Befehl, dies auch noch bildlich zu dokumentieren!

  • realo

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 12:25

    Goethe hat sich nicht abfällig über die Jugend geäußert, er hat sich geärgert über die Unterstellung, er würde mit diesem Buch zum Suizid anregen. Das kann nur ein dummer Mensch äußern, denn jeder, der etwas von der Materie versteht, weiß, dass ein Suizidversuch durch innere Gefühle entsteht, nicht durch äußere Ansage. So gesehen sind Goethes unflätigen Worte absolut verständlich. Es ist ein Missbrauch des Suizidbegriffes, zu behaupten, es kommt durch äußere Umstände, durch Ansage anderer. Es gibt spannende Psychofilme, da kommt es vor, getrieben in den Suizid durch dunkle Spielchen, aber real entsteht der Suizidgedanke durch innere seelische Konflikte.

  • seestern47

    Mitglied
    23. Februar 2026 um 9:46

    Besagter Lord Literatur hat den Titel wohl allzu wörtlich genommen. Ironie, Zeitgeist und die Provokationslust eines Johann Wolfgang von Goethe scheinen ihm nicht ganz geläufig gewesen zu sein. 😉

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