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Die WELT schreibt Heute: Grüne im Umfrage-Tief
In der griechischen Tragödie folgt auf die Hybris die Nemesis. Auf die Selbstüberschätzung der Absturz. Vor der letzten Bundestagswahl glaubten viele bei den Grünen, sie würden den Kanzler stellen und zu einer Volkspartei neuen Typs avancieren können. 2019 hieß es in einem auf ihrer Website zu lesenden Essay zu „grüner Relevanz“, die Partei sei „die wichtigste Stimme eines weltoffenen und liberalen Geistes wider die geistig-politische Verrohung“. Es gehe um nichts weniger als „Hegemoniefähigkeit“. Von diesem Anspruch ist vier Jahre später wenig übriggeblieben. In der Sonntagsfrage des jüngsten „Deutschlandtrends“ kommen die Grünen bundesweit nur noch auf 13 Prozent Zustimmung – der niedrigste Wert seit fünf Jahren.
Die Ursachen grüner Nemesis sind klar. Von örtlichen Ärgernissen wie der Sperrung der Friedrichstraße in Berlin und der Abschaffung der Bremer „Brötchentaste“ bis hin zum missglückten Heizungsgesetz bekamen die Bürger den Eindruck, bei den Grünen herrsche nicht ein „weltoffener und liberaler“, sondern ein kleinlicher und moralinsaurer Geist, der ohne den Hemmfaktor FDP in der Regierungskoalition die Bürger gängeln und bevormunden würde.
Gleichzeitig – apropos Relevanz und Hegemonie – wächst das Gefühl, die Grünen wüssten nicht so recht, was sie in der Regierung wollen. Bei einer Umfrage unter 500 „Entscheidern“ in der Wirtschaft meinten im Juli vergangenen Jahres 73 Prozent der befragten Topmanager, die Grünen würden in der Ampel den Ton angeben. Heute, ein Jahr später, sind es nur noch 42 Prozent.
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