Ferienzeit in den 50er Jahren

  • Ferienzeit in den 50er Jahren

     Wiederholung antwortete vor 1 Jahr, 7 Monate 3 Teilnehmer · 3 Beiträge
  • Novis

    Organisator
    5. Juli 2019 um 17:50

    Meine Familie gehörte nicht zu den wohlhabenden Emporkömmlingen der Nachkriegszeit, die sich schon bald ein Auto leisten konnten.

    6 Wochen Ferien bedeutete für uns Jugendliche: Feldarbeit in der Landwirtschaft.
    Die noch etwas älteren und kräftigen Schüler arbeiteten im Straßenbau. Dort gab es mehr Geld. Diese Arbeit aber war sehr, sehr anstrengend.

    Im Straßenbau gab es so um 1,50 Mark. In der Landwirtschaft wurde nach Lebensalter bezahlt. Mein erster Lohn lag bei 38 Pfennig pro Stunde. Später gab es auch schon mal bis zu 65 Pfennig *) pro Stunde.

    Die Arbeit war nicht sehr anstrengend. Unkraut jäten, Rüben hacken. Manchmal auch Hilfe bei der Getreideernte. Garben zu Hocken – bei uns hießen sie Stiegen – aufstellen.
    Hilfe bei der Heuernte. Auch Beeren oder Erbsen pflücken war mal dabei.
    Das Geld wurde gespart für eine kostspielige aber wichtige Errungenschaft: Ein Fahrrad.

    Vaterland, Stricker, Herkules waren die gängigen Namen. Die Kosten für ein Fahrrad lagen so ab 100 Mark aufwärts. Gebrauchte Räder älterer Bauart konnte man schon etwas billiger bekommen.
    Erstrebenswert waren Fahrräder mit Gangschaltung. Dreigangschaltung.

    Irgendwann ging es los mit Fahrradtouren durch Deutschland. Keine Riesenreisen. Nur ein paar Hundert Kilometer an die Ost- oder Nordsee, in die Heide oder ins Weserbergland.

    Übernachtet wurde in einer Jugendherberge.
    Dazu brauchte man einen Jugendherbergsausweis. Den gab es für 2 Mark bei der Gemeindeverwaltung. Den Ausweis brauchte man unbedingt, ohne gab es kein Nachquartier.

    In den Jugendherbergen gab es zwei Schlafsäle, einer für Mädchen und einer für Jungen. In jedem Saal standen mindestens 10 zweistöckige Betten mit Matratzen und Wolldecken.
    Schlafsäcke waren von den Jugendlichen mitzubringen. Wer keinen Schlafsack hatte, brachte einen Bettbezug mit. Der sollte dazu dienen, den Körperkontakt zwischen dem Schläfer und der Wolldecke zu unterbinden.

    Ehe es abends in den Schlafsälen zur Ruhe kam, verging meistens viel Zeit.

    Wie das mit Wasch- und Toilettenräumen war, weiß ich nicht mehr. Fließend warmes Wasser oder gar Duschen gab es jedenfalls nicht.

    Zum Frühstück gab es Milchkaffee (Ersatzkaffee) und Brötchen mit irgendetwas drauf. Für wenig Geld.

    Wenn man Pech hatte, teilte der Herbergsvater einen zum Kartoffelschälen und Helfen in der Küche ein. Einfach nur so. Mich hat es glücklicherweise nie getroffen.

    Gefahren wurde auf Bundesstraßen. Das waren damals die Fernstraßen und die waren wohl aus den ehemaligen Reichsstraßen entstanden. Radwege gab es nur in Ausnahmefällen, die Fahrradfernfahrer waren auf die Fahrban angewiesen.

    Nebeneinander fahren war verboten, wurde aber trotzdem oft gemacht. Der Autoverkehr war damals noch gering. Wenn mal ein Auto von hinten kam, setzte man sich halt bis es vorbei war hinter seinen Nebenmann.

    Es waren damals viele Radwanderer unterwegs und bei jeder Begegnung wurde per Handzeichen ein Solidaritätsgruß ausgetauscht.

    Das Gepäck übrigens wurde in Satteltaschen transportiert, die beidseitig des Hinterrades am Gepäckträger befestigt wurden.

    *) = Wenn sich jemand wundert, dass ich heute noch die Pfennigbeträge im Kopf habe, sollte wissen, dass Geld damals für mich und viele meiner Altersgenossen etwas sehr Wertvolles war. Jeder Pfennig musste dreimal umgedreht werden, bevor er ausgegeben wurde. Wenn man als Kind mal einen Groschen geschenkt bekam, war man schon ein kleiner Krösus.

    So kommt es, dass ich noch heute viele Preise von damals im Kopf habe.

    Auch heute gebe ich mein Geld nicht leichtfertig aus. Ich schaue schon darauf, ob Preis und was es dafür gibt, miteinander harmonieren.

    Andererseits horte ich mein Geld nicht. Wenn mir etwas gefällt und ich es mir leisten kann, kaufe ich es mir. Und wenn ich einmal mit Geld helfen kann, dann tue ich es auch gerne.

    Novis

  • Momo37

    Teilnehmer
    7. Juli 2019 um 11:55

    Hallo Novis,
    ja, auch meine Ferien waren damals ausgefüllt mit ähnlicher Arbeit, ich half beim Bauern bei allem was so anfiel. Mal Kühe hüten, mal Brennesseln schneiden und hacken für die Küken, seltener auch beim Heuen oder beim Ernten, bei uns hießen sie Puppen…..
    leider aber wurde ich immer nur, aber zur großen Freude meiner Mutter, mit Naturalien bezahlt…2 Eier, ne Kanne Milch, auch mal ein Stückchen Speck, das war schon was !
    Wenn wir von der Schule etwas unternahmen, dann war es eine Tagestour mit dem Fahrrad, ich hatte das von meiner älteren Schwester, ansonsten ging man ins Freibad…verreisen????? kein Geld, geschweige ein Auto ! Einmal im Jahr vielleicht zur Oma mit zig mal Umsteigen in einfachen Bahnwaggons und langer Fahrzeit….und dort, in einem kleinen Örtchen kein Luxus….mit Plumpsklo auf dem Hof noch !!! Aber für mich dennoch ein Erlebnis…mir fehlte nichts ! Ich kannte es ja nicht anders dort…
    Und gerade deshalb weiß man heutzutage noch vieles zu schätzen, nimmt nichts als selbstverständlich
    und letztlich Geld nicht gar so wichtig !
    Momo

  • Wiederholung

    Teilnehmer
    8. Juli 2019 um 8:59

    Meine Familie gehörte zu den Emporkömmlingen, wie Novis sie nennt. Im Sommer fuhren meine Eltern, meine Tante und mein Onkel – auch Zahnarzt – am Wochenende mit den Autos in die Heide. Dort wurde geangelt und gespielt und es gab Picknick, wundervolle Sachen wurden da ausgepackt! Ein Highlight war der Kartoffelsalat meiner Tante.

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