Umstrukturierung der Pflegeausbildung – Wie gut ist das wirklich?

Im Sommer 2017 wurde das Gesetz zur Reform der Pflegeberufe verkündet. Von den neuen Regelungen sollen Pflegebedürftige und Auszubildende gleichermaßen profitieren. Welche Änderungen ergeben sich durch die Generalistische Pflegeausbildung? Und hält die Pflegereform wirklich, was sie verspricht?

Diese Ziele verfolgt die Reform

Das Problem des Pflegenotstands ist hinreichend bekannt. Wie Berechnungen des Bremer Pflegewissenschaftlers Heinz Rothgang ergeben, sind in Deutschland 120.000 zusätzliche Vollzeitstellen notwendig. Damit das gelingt, müssten Pflegeberufe attraktiver gestaltet werden. Genau das soll bei der neuen Generalistischen Pflegeausbildung der Fall sein. Wer sich dafür entscheidet, die Generalistische Pflegeausbildung machen zu wollen, muss sich auf grundlegende Änderungen bei der Ausbildung einstellen. Welche Änderungen die Reform des Pflegeberufegesetzes genau mit sich bringt? Wir verraten es.

Der Pflegeberuf ist wenig attraktiv. Das geht aus einer 2020 durchgeführten Studie im Auftrag des Bundesjugendministeriums hervor. Nur 21 % aller befragten Jugendlichen gaben an, sich einen Job in der Pflege vorstellen zu können. Als Grund nannten sie unter anderem die vergleichsweise schlechten Weiterentwicklungs- und Karrierechancen. Aber auch ein zu geringes Gehalt sorgt für ein schlechtes Image der Pflegeberufe. Eine Reform der Pflegeberufe scheint also dringend notwendig sein. Mit dem Inkrafttreten der Generalistischen Pflegeausbildung sollen Pflegeberufe attraktiver werden und so einem Mangel an Pflegekräften entgegengewirkt werden.

Welche Änderungen bringt die Reform des Pflegeberufegesetzes?

Ziel der Pflegeberufereform ist, Pflegefachkräfte ab 2020 mit Hilfe einer Generalisierung der Pflegeausbildung auf alle Aufgaben vorzubereiten, mit denen sie im Berufsalltag konfrontiert werden könnten. Hierfür wurde aus drei Ausbildungsberufen einer gemacht: die Generalistische Pflegeausbildung. Hintergrund dabei? Laut Bundesministerium für Gesundheit überschneiden sich die Aufgabenfelder von Altenpflegern und Krankenpflegern in großen Teilen. Durch die Generalisierung werden Pflegeausbildungen nun zusammengeführt. Das bedeutet, dass die Auszubildenden in den ersten beiden Jahren gleich geschult werden. Sowohl Krankenpfleger als auch Altenpfleger können anschließend einen Vertiefungsbereich wählen. Auszubildende haben damit zwei Möglichkeiten: Entweder verfolgen sie weiter die generalistische Ausbildung und erhalten nach dem dritten Jahr den Abschluss als Pflegefachfrau/Pflegefachmann – oder sie spezialisieren sich und machen einen gesonderten Abschluss in der Altenpflege oder in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.

Aber nicht nur die Ausbildungsinhalte werden mit der Reform anders. Mit Inkrafttreten des Gesetzes muss für die Ausbildung kein Schulgeld mehr entrichtet werden. Stattdessen erhalten alle Auszubildenden sogar eine angemessene Ausbildungsvergütung. Außerdem wird ein Pflegestudium eingeführt. Bei diesem sollen wissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Berufspraxis einfließen können. Das mindestens drei Jahre dauernde Studium soll die Pflegeausbildung ergänzen und schließt mit einem akademischen Grad ab.

Zusammengefasst bringt die Umstrukturierung in der Pflegeausbildung also folgende Änderungen mit sich:

  • Zusammenführung der Pflegeausbildungen
  • Kostenlose Ausbildung
  • Ausbildungsvergütung
  • Einführung eines Pflegestudiums

Kritiker und Befürworter: Vor- und Nachteile der Pflegeberufereform

Eigentlich soll die Umstrukturierung der Pflegeausbildung sowohl für Pflegebedürftige als auch für Auszubildende viele Vorteile bringen. Tatsächlich gibt es viele Punkte, die dafür sprechen, dass die Pflegeberufereform erfolgversprechend sein wird. Befürworter loben vor allem, dass eine breit ausgerichtete Ausbildung zur Pflege von Menschen aller Lebenssituationen und Altersphasen befähigt. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, laut denen Azubis abgeschreckt werden könnten. Wir stellen die Argumente von Befürwortern und Kritikern gegenüber.

Vorteile der generalisierten Pflegeausbildung

  • Hohe Flexibilität für Pflegefachkräfte: Mit der Umsetzung einer vereinheitlichten Ausbildung können Pflegefachkräfte zukünftig problemlos zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen wechseln. Weil alle die gleichen Grundkenntnisse haben, können sie interdisziplinär eingesetzt werden. Entweder helfen sie älteren Menschen dabei, wieder fit und gesund zu werden oder sie arbeiten als Pflegefachpersonal in der Kinderkrankenpflege.
  • Individuelle Spezialisierung: In den ersten beiden Jahren erhalten alle Azubis die gleiche Ausbildung. Später haben sie die Möglichkeit, sich je nach individuellem Interesse zu spezialisieren. Vielen fällt es leichter, während der Ausbildung herauszufinden, in welchem Fachbereich sie später arbeiten möchten. Schulabgänger müssen sich nun nicht mehr vor Beginn der Ausbildung entscheiden, ob sie in der Altenpflege, der Kinder- oder Gesundheitspflege arbeiten möchten. Während ihrer Ausbildung können sie in verschiedene Pflegebereiche hineinschnuppern und praxisnah herausfinden, welcher Bereich ihnen am meisten liegt.
  • Finanziell attraktiver: Bislang mussten Auszubildende an privaten Pflegeschulen Schulgeld bezahlen. Von nun an ist die Pflegeausbildung komplett kostenlos, so dass es keine finanziellen Hürden mehr gibt. Darüber hinaus erwartet Auszubildende jetzt auch eine attraktive Ausbildungsvergütung.
  • Bessere Verdienst- und Jobmöglichkeiten: Dank der generalistischen Ausbildung können Pflegefachkräfte zukünftig in allen Bereichen eingesetzt werden. Dadurch steigen die Jobmöglichkeiten enorm. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Vergütungen im Pflegebereich erhöht wurden.
  • Anerkennung EU-weit: Die EU-weite Anerkennung des Abschlusses sorgt dafür, dass Pflegefachkräfte nach einer Auswanderung auch in Spanien, Frankreich und anderen EU-Ländern arbeiten können.
  • Neuer Pflegestudiengang: Abiturienten, die statt einer Ausbildung ein Studium aufnehmen möchten, können das jetzt auch im Pflegebereich tun. Das neue Pflegestudium vermittelt neueste pflegewissenschaftliche Theorien und Inhalte. Um auf die spätere Berufspraxis vorbereitet zu sein, müssen Studenten außerdem mehr als 2.100 Stunden Praxiseinsätze erbringen. Das Bachelor-Studium endet mit der staatlichen Prüfung zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann. Übrigens steht das Pflegestudium auch Absolventen der Pflegeausbildung offen.

Nachteile der generalisierten Pflegeausbildung

  • Schwierigere Zugangsvoraussetzungen: Galten vorher gesonderte Voraussetzungen für die drei Ausbildungsberufe, müssen Bewerber jetzt mindestens einen Realschulabschluss nachweisen. Wer einen Hauptschulabschluss hat, muss zunächst eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft machen. Die vorherige Ausbildung kann dann jedoch auf die Ausbildungszeit angerechnet werden.
  • Abschreckung für Azubis: Durch die veränderten Zugangsvoraussetzungen müssen Hauptschüler nun einen Umweg nehmen, wenn sie Pflegefachmann/Pflegefachfrau werden möchten. Dies könnte zur Abschreckung vieler potenzieller Auszubildender führen.
  • Konkurrenz für Altenheime: Was eigentlich ein Vorteil sein soll – die flexible Einsetzbarkeit von Pflegefachkräften – könnte zum echten Problem werden. Mit der neuen Ausbildung steht es Pflegefachpersonal offen, aus der Altenpflege in die Krankenpflege abzuwandern. Dies könnte ein durchaus realistisches Szenario sein, lässt man sich vom höheren Gehalt eines Krankenhauses locken und kündigt im Altenheim, beim ambulanten Pflegedienst oder bei der Tagespflegeeinrichtung. Eigentlich als Lösung konzipiert, den Pflegenotstand zu verbessern, könnte sich die Situation in der Altenpflege also noch verschlimmern.
  • Mangel an Fachwissen: Dem Prinzip folgend, drei Ausbildungsberufe zu einem zusammenzufassen, befürchten Kritiker, dass es zu einer Verflachung der Ausbildungsinhalte kommen könnte. Jeder Patient hat andere körperliche und psychische Bedürfnisse. Ob man auch in der generalisierten Ausbildung innerhalb kürzester Zeit das nötige Spezialwissen für den Umgang mit kranken Senioren und Kindern vermitteln kann?

Die Umstrukturierung der Pflegeausbildung birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Zwar profitieren Absolventen von besseren Jobchancen, gleichzeitig jedoch könnte der Pflegenotstand in der Altenpflege noch weiterwachsen. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wer Recht behält – Befürworter oder Kritiker der Pflegeberufereform.

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