Ein anderer Blick auf das Höhlengleichnis

Ich lese regelmäßig die Blog-Beiträge von Michael Blume bei scilogs, dem Blog von Spektrum der Wissenschaft. M. Blume ist Religionswissenschaftler, Autor, Beauftragter der Landesregierung BW gegen Antisemitismus.und einiges mehr.

In seinem letzten Beitrag(*1) ging er auf das Höhlengleichnis(*2) ein und für ihn bereitete es die Grundlage für zahllose Verschwörungsmythen. Nach seiner Interpretation können die Menschen nur das Schattenspiel sehen und nicht die Welt, wie sie wirklich ist, weil die Verschwörung sie dort festhält.

Das ist eine interessante neue Sichtweise, weil ich bisher das Höhlengleich völlig anders verstanden habe. Für mich - und ich kenne viele, die das ähnlich interpretieren - ist es eine Mahnung, uns klarzumachen, daß die Welt nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen. Unsere Sicht auf die Welt ist gleich durch zwei "Filter" begrenzt.

Einmal sind es unsere Sinnesorgane, die uns nur einen Ausschnitt vermitteln. Könnten unsere Augen nur ein wenig mehr im infraroten Bereich aufnehmen, dann würde die Welt völlig anders aussehen. Zusätzlich zu den Farben wäre alles mehr oder weniger hell, je nachdem, wie warm etwas ist und diese Helligkeit wäre nicht nur von der Beleuchtung abhängig. Daß unser Geruchssinn im Vergleich zu dem von Hunden geradezu verkümmert ist, das ist jedermann bekannt. Aber auch eine Fläche, die für unsere Fingerspitzen absolut glatt erscheint, die sieht unter einem guten Mikroskop schon aus wie ein Mittelgebirge und mit einem Elektronenmikroskop wie der Himalaya. Wir haben Messgeräte, die unsere Wahrnehmung der Welt ein wenig erweitern, aber trotzdem bleibt es ein Ausschnitt von dem, was tatsächlich ist.

Die zweite und meiner Ansicht nach viel wichtigere Einschränkung liegt darin, wie wir Wahrnehmungen verarbeiten. Ob wir es wollen oder nicht, Wahrnehmungen werden mit unseren Erfahrungen und Glaubenssätzen abgeglichen. ein absolut unvoreingenommenes Aufnehmen von Ereignissen ist nicht möglich, weil unser Gehirn so nicht arbeitet. Wenn wir einen Text lesen, jemanden sprechen hören, dann gleichen wir das immer mit unseren Einstellungen zum Thema ab und - genauso wichtig - wir filtern es danach, ob der andere uns sympathisch ist oder nicht. Alles das passiert in Bruchteilen einer Sekunde und nichts davon dringt jemals in unser Bewusstsein vor. Um das Maß voll zu machen ist es heute erwiesen, daß unser Gedächtnis keineswegs fotografisch arbeitet und Erlebnisse unverändert festhält. Bei jedem Abruf von Gedächtnisinhalten werden sie auf der Basis unseres heutigen Wissens und unserer heutigen Wertmaßstäbe neu bewertet und so abgespeichert. Wir sollten uns nicht über den Weg trauen. 😉

Vieles davon wußte Platon natürlich nicht und trotzdem zeigte seine Höhlengleichnis in die richtige Richtung - jedenfalls nach meinem Verständnis. Wie weiter oben schon gesagt habe ich das Gleichnis als Mahnung verstanden, meine Wahrnehmung nicht für absolut zu halten, sondern mir immer wieder vor Augen zu führen, daß meine Sichtweise durch viele Filter läuft und immer höchst subjektiv ist. Wie ich das jetzt unter den von M. Blume angeführten Gesichtspunkten neu interpretiere, das weiß ich noch nicht. Zum neuen Sortieren dient auch, diesen Text hier zu schreiben.

*1 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/

*2 https://de.wikipedia.org/wiki/Höhlengleichnis

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Kommentare

  1. Hallo Palmström, kurze Rückmeldung: Bin immer wieder erstaunt wie ein Kind, dass alles so ist - wie es ist. Nehme alles sehr intensiv wahr. Ich glaube schon, ich kann recht klar denken, formulieren fällt mir nicht schwer. (auch wenn' s vielleicht gerade nicht so aussieht. Danke für Ihre klugen Ausführungen, ich versuch mal, meine Meinung zu finden. Viele Grüße aus Tübingen.

  2. Vielen Dank für den Hinweis! Der Blog von Michael Blume ist mir bisher nicht aufgefallen.
    Die Philosophie des Platon sehe ich aus einer anderen Perspektive als du, ich komme aus dem katholischen Milieu- der Platonismus war dort 1000 Jahre lang dominierend - für mich ist dies ein Graus.
    Grüße von Florian.

    1. @FlorianS Hi und Danke für die Rückmeldung. Ich muß gestehen, daß ich zum Platonismus keine Verbindung habe. Mich interessiert speziell das Höhlengleichnis, weil es - jedenfalls nach meinem oben angedeuteten Verständnis - der buddhistischen Sichtweise auf Wahrnehmungen ähnelt, so wie sie in der Achtsamkeitsmeditation geübt wird. Das ist ein etwas verschlungener Gedankengang und ich kann ihn hier kaum wiedergeben, ohne endlosen Text zu produzieren.

      Nachtrag: Ich vermute, du meintest mit Platonismus die Seelen- und Emanationslehre. Die sind mir sowieso fremd. Die für mich sinnvollsten Antworten habe ich ganz woanders gefunden. Vielleicht ist es ein Frevel, aber ich habe das Höhlengleichnis ganz von seinen restlichen Ideen getrennt betrachtet. Dann entspricht es in faszinierender Weise modernen Erkenntnissen.

      1. Das Höhlengleichnis wird erwähnt in Platons »Politeia«, seinen Vorstellungen vom vollkommenen Staat. Diese Staatsphilosophie ist zum großen Teil verwirklicht in den Strukturen der katholischen Kirche, dh. spirituelle (im Zölibat lebende) Lehrer und Führer haben Zugang zu der Welt der Wahrheiten, von den sog. Wächtern kann ihre erkannte Wahrheit notfalls mit Gewalt verkündet werden, denn das unwissende, dumme Fußvolk hält die flackernden Eindrücke für die reale Welt, usw. Vielleicht ahnst du meine Abneigung gegen seine Vorstellungen vom idealen Staat. Dass ich den Dualismus, auf dem seine gesamte Philosophie basiert, ablehne, das versteht sich von selbst.

        Deine distanzierte Sicht der Realität verstehe ich gut. Für mich ist die Erkenntnistheorie des Konstruktivismus ein Ausweg.

        Grüße von Florian.

        1. @FlorianS :Danke, wirklich interessant. So gesehen hat M. Blume mit seiner Idee vom Höhlengleichnis als Urbild der Verschwörungsmythen wohl doch recht. Es zeigt auch, daß man in die Irre laufen kann, wenn man etwas aus dem Zusammenhang reißt so wie ich es mit dem Höhlengleichnis getan habe. Schade eigentlich, es ist anschaulich und deshalb gut dafür geeignet, die Beschränktheit unserer Wahrnehmung zu verdeutlichen.

  3. Ich finde deine Ausführungen sehr interessant, da muss ich noch mehr drüber nachdenken. Zu dem fotografischen Gedächtnis möchte ich sagen, dass ich mir bisher eingebildet habe, eines zu haben. Es ist oft so, dass mir eine Begebenheit einfällt und ich sehe das als Bild oder auch als Film vor mir. Wie ist das zu beurteilen?

    1. @Zauberfrau2000 : Das kenne ich auch, manche Ereignisse bleiben sehr präsent, erfreuliche wie unerfreuliche. Das ist aber nur ein geringer Teil, die weitaus größte Zahl an Ereignissen geht an uns vorbei, ohne eine Spur zu hinterlassen. Ein fotografisches Gedächtnis würde nach dem gängigen Verständnis bedeuten, daß man sich auch an unwesentliche Details erinnert, die andere Menschen wegen der Fülle an Details nicht einmal bemerken. Ein krasses Beispiel wurde in einer Dokumentation über Savants gezeigt. Der Betreffende wurde für einige Minuten am Petersdom im Hubschrauber vorbei geflogen und konnte anschließend die Ansicht des Doms perfekt bis ins kleinste Detail nachzeichnen.
      Nach meinem Verständnis ermöglicht uns die Veränderung des Gedächtnisses erst das Verzeihen. Wenn jemand uns verletzt, dann ändert sich vielleicht nicht das Ereignis selbst in unserem Gedächtnis, aber unsere Beziehung dazu. Deswegen habe ich geschrieben: „ Bei jedem Abruf von Gedächtnisinhalten werden sie auf der Basis unseres heutigen Wissens und unserer heutigen Wertmaßstäbe neu bewertet und so abgespeichert.“ Das Erlebte steht nicht allein für sich, sondern es gibt Verknüpfungen und wenn sich zum Beispiel Wertmaßstäbe ändern, dann ändert sich damit auch die Bewertung des Erlebten.
      Ich hoffe, daß das einigermaßen verständlich war.

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