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Magazin  > Lebenserinnerungen  > Erinnerungen an meine Kindheit...

Erinnerungen an meine Kindheit Teil III. und IV.

Eine ganz besonders schlimme Zeit waren die Jahre 1946 und 1947. Hunger bestimmte unser Leben. Hunger und nochmals Hunger. Mutti verwaltete ein Brot, auf dem wenige Zentimeter breite Abschnitte markiert waren, die die tägliche Ration für die Familie bedeuteten. Wurden die Scheiben dünn geschnitten, dann kamen pro Person zwei oder drei Scheiben pro Tag heraus. Als Brotaufstrich diente vielleicht ein wenig Fettersatz. Wenn es gut ging, gab es Kunsthonig. Im Sommer schmeckten klein gehackte Brennnesselblätter, Schafgarbe, Sauerampfer oder Löwenzahn als Brotbelag. Mutti versuchte durch Feldarbeit ein paar wertlose Pfennige dazu zu verdienen. Aber für arbeitende Bevölkerung gab es kleine Sonderzuteilungen an Lebensmitteln. Die gab es auch für Kinder. Zum Beispiel ein viertel Liter Magermilch pro Tag, die in einer kleinen Kanne geholt werden konnte.

Lebensmittel gab es nur gegen entsprechende Abschnitte der Lebensmittelkarten, die monatlich ausgegeben wurden. Der Verlust der Lebensmittelkarte bedeutete eine Katastrophe.
Ich erinnere mich an ein Erlebnis, als mich Mutti zum Kaufmann schickte, weil es dort eine Zuteilung an Nährmitteln - was auch immer das war - gegen Lebensmittelmarken abzuholen gab. Als ich zurückkam, fehlte die Lebensmittelkarte. Mutti wurde fast wahnsinnig vor Angst. Glücklicherweise hatte ich die Karte nicht verloren, sondern nur liegen lassen. Die Leute waren so freundlich und ehrlich, sie uns zurück zu geben.

Mehrmals in der Woche gab es zu Mittag Dörrwrucken. Gedörrte Steckrüben, die am Abend vorher eingeweicht und am folgenden Tag zum Mittagessen heiß gemacht wurden. Vielleicht kam noch ein wenig Salz hinein. Das Zeug schmeckte so scheußlich, dass ich mich heute noch daran erinnere. Es war so schlimm, dass ich lieber hungerte, als diese Suppe zu essen. Mutti zwang uns. Mehrmals verspürte ich beim Schlucken einen ekelhaften Brechreiz.
Ostersonntag gab es zum Frühstück ein Ei. Ich wollte es hart gekocht. War ich doch der Meinung, dass ein hart gekochtes Ei mehr sättigt, als ein weich gekochtes.
Eines Tages beauftragte mich Frau "Wackeldubs", für sie etwas im Dorf abzuholen. Als Belohnung versprach sie mir einen Brotknust. Ein verlockendes Angebot für einen hungrigen Jungen von sechs oder sieben Jahren. Aber es bestand die aus vorangegangener Erfahrung bekannte Gefahr, dass sie ihr Versprechen sehr rasch wieder vergessen würde. Und das sagte ich ihr: "Ach, können Sie mir das Brot nicht gleich geben. Nachher vergessen Sie es wieder." Ihre heftige Reaktion war für mich vollkommen unverständlich. Ob sie denn schon jemals etwas vergessen habe fragte sie böse. Wider besseres Wissen versicherte ich ihr, dass sie natürlich noch nie etwas vergessen und ihre Versprechen immer eingehalten habe.
Es war eine Zeit, in der viele Nachbarn der Meinung waren, dass sie Mutti bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützen mussten. Wenn sie schon nichts dazu beitragen konnten oder wollten, unsere stets hungrigen Mägen ein wenig zu füllen, so wollten sie wenigstens dazu beitragen, durch entsprechende körperliche Erziehung uns gute Manieren beizubringen. Ich habe noch nie so viel Prügel bekommen, wie in jener Zeit. Mutti stand der Sache ziemlich hilflos gegenüber. Manchmal war die Prügel ja auch berechtigt. Trotzdem, nach heutiger Rechtsauffassung hätten eine Menge meiner erwachsenen Nachbarn eingesperrt werden müssen. Da erinnere ich mich an Tante Emmi, die mich nach Strich und Faden verdrosch, weil ich einen kleinen Porzellanteller zerbrochen hatte, der als Seifenablage diente. Ich weiß noch genau, an welcher Stelle im Haus ich die Prügel bezog. Sie schlug und schlug auf das nackte Hinterteil, obwohl ich brüllte, wie am Spieß. Schließlich passierte es, dass ich vor Schmerz und Wut über das Unrecht pinkelte. Und weil mir für die Tracht Prügel ja die Hose herunter gezogen worden war, landete die Flüssigkeit auf dem Fußboden der Stube.
Das habe ich später, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, meiner Schwester erzählt. Sie meinte, dass mein Pinkeln vollkommen in Ordnung gewesen sei. Eben eine gerechte Strafe vom lieben Gott für Tante Emmi.

Ein anderes Mal hatte ich am Lattenzaun zur Straße hin - Onkel Georg nannte ihn Staket - kleine Turnübungen veranstaltet. Er meinte, ich wollte Zaunlatten abreißen und verprügelte mich in einer Art und Weise, dass es mir heute noch kalt den Rücken hinunter läuft, wenn ich daran denke. Aus heutiger Sicht glaube ich sagen zu können, dass Onkel Georg sicher eine sadistische Ader gehabt hat. Ich möchte nicht nachforschen, wie er mit unliebsamen Personen in seinem Amtbereich als Ortgruppenleiter umgesprungen ist.

Ein anderes Mal erhielt ich eine Tracht Prügel vom Mann von Frau "Wackeldubs". Er ritt öfter auf einem Pferd durch die Straßen. Zum Straßenbild in jener Zeit gehörten auch Pferdeäpfel, die von den zahlreichen Ackergäulen jener Zeit hinterlassen wurden. Lagen sie lange genug in der Sonne herum, dann trockneten sie und verwandelten sich in herrliche Wurfgeschosse. Mit so einem Wurfgeschoss bewaffnet stand ich eines Tages hinter einer Hausecke und beobachtete ihn, wie er auf einem Pferd stolz daher geritten kam. Auf meiner Höhe zielte ich und traf mit besagtem Wurfgeschoss den Gaul an seiner Hinterbacke. Der Gaul wieherte auf und ging fast durch. Nur mit Mühe bekam der Mann ihn wieder unter seine Gewalt. Ich fand das ausgesprochen spaßig und hatte die Sache bald wieder vergessen.

Abends wurde ich aufgefordert, mich bei ihm zu melden. Er hatte sich bislang aus allen Erziehungsversuchen bei uns Kindern herausgehalten. Deshalb ging ich arglos zu ihm hin. Die Tracht Prügel habe ich bis heute nicht vergessen. Besonders schlimm war die Ungerechtigkeit. Er wiederholte nämlich immer wieder den Vorwurf, dass er es mir herausprügeln werde, noch einmal mit Steinen nach seinem Pferd zu werfen. Steine? Er hatte ja keine Ahnung, dass es nur ein trockener Pferdeapfel gewesen war.

Es war schon eine tolle Zeit, in der wir in dieser maßlosen Enge aufeinander hockten und trotzdem noch eine Art Familienleben entwickelten. Fernsehen gab es noch nicht. Papas selbst gebautes Radio war auch noch nicht da. Die Abende wurden mit Basteln und Erzählen gestaltet. Oder Vorlesen. Es gab in Vorkriegszeiten in Danzig den Rentier Poguttge, der in der Samstagsausgabe der Danziger Neuesten Nachrichten seine Stammtischgespräche verbreitete. Eine Auswahl dieser Stammtischgespräche war als Buch erschienen, aus dem Tante Lotte mit unverwechselbarem Danziger Dialekt vorlas. Diese Vorleseabende haben bei mir einen derartigen Eindruck hinterlassen, dass ich mir Jahre später dieses Buch antiquarisch kaufte. Das Buch steht heute noch in meinem Bücherschrank.

In unserer Familie wurde viel gebastelt. Besonders in der Vorweihnachtszeit. Hierbei war Tante Lotte federführend. Wir bastelten Sterne aus Papier und Stroh. Transparente mit weihnachtlichen Motiven aus Papier. Aus Strohhalmen wurden Oktaederfiguren unterschiedlicher Größe gebastelt, die wiederum zu so genannten Strohampeln zusammengefügt wurden. Und wir spielten Karten. Rommé war das bevorzugte Spiel. Dann gab es noch Schreibspiele: "Stadt-Land-Fluss" oder "Gefüllte Kalbsbrust", "Papa plätschert lustig in der Badewanne" und manches andere Spiel. Eines lässt sich nicht bestreiten: Das Familienleben in jener Zeit war kommunikativer, bildender, kreativer und abwechslungsreicher als die langweiligen Fernsehabende der heutigen Zeit.

Obwohl zu Weihnachten die Geschenke ausgesprochen bescheiden ausfielen, freute ich mich schon sehr früh im Jahr auf dieses Fest. Kaum war mein Geburtstag vorbei, schielte ich nach den ersten Anzeichen des bevorstehenden Weihnachtsfestes. Anders als heute gab es weder schon im Herbst weihnachtliche Angebote in den Geschäften, noch gab es weihnachtliche Beleuchtungen in Fenstern und Vorgärten. Dafür war keine Zeit und kein Geld vorhanden. Und wäre es vorhanden gewesen, dann hätte es trotzdem nicht stattgefunden, denn diese Sitte ist erst viele Jahre später aus Amerika zu uns herüber geschwappt.

In der kargen Zeit unmittelbar nach dem Krieg war alles knapp. Kerzen für den Weihnachtsbaum konnte man nicht einfach im Laden kaufen. Wir jedenfalls nicht. Für Weihnachtsbaumkerzen sammelten wir das ganze Jahr über Wachs. Das fiel schon gelegentlich an, denn Strom gab es auch nicht rund um die Uhr. Der war so knapp, dass er zeitweise abgeschaltet wurde. Sperrstunde wurde das genannt.

Tabletten gab es in der Zeit nicht in Blistern wie heutzutage, sondern in kleinen Glasröhrchen. Diese Röhrchen eigneten sich als Form für Weihnachtsbaumkerzen. Ein Baumwollfaden in der Mitte, rundherum geschmolzenes Wachs, fertig war die Kerze. Im Laufe des Jahres kamen genügend dieser Behelfskerzen zusammen, um wenigstens zu Weihnachten und an Silvester den Baum in weihnachtlichem Glanz erstrahlen zu lassen.
Ein besonders trauriges Weihnachtsfest gab es 1946 oder 1947. Da war die Not so groß, dass es nicht einmal für Kerzen am Weihnachtsbaum reichte. An Heiligabend brannten nur drei oder vier selbst gemachte Kerzen hinter ebenfalls selbst gebastelten Transparenten in unserem Wohnzimmer. Aber es war wenigstens warm darinnen. Schließlich hatten wir wochenlang nicht geheizt und dadurch Briketts und Holz gespart, um wenigstens an den Weihnachtstagen durchgehend ein warmes Zimmer zu haben.
Es muss einige Jahre später gewesen sein, wahrscheinlich erst nach der Währungsreform. In das Pastorenhaus war ein neuer Pastor eingezogen. Er engagierte sich sehr in der Gemeindearbeit und in der Jugendarbeit. So rief er Jungscharen und Jungmännerkreise ins Leben. Zu Weihnachten gab es ein Krippenspiel. Die Darsteller rekrutierten sich aus den Jugendkreisen und aus dem Kreis der am Konfirmationsunterricht teilnehmenden Jugendlichen. Die Sache gefiel mir, begann doch das Üben für das Krippenspiel bereits im Oktober. Für mich waren das die ersten Zeichen des noch in weiter Ferne liegenden Weihnachtsfestes und eine Gelegenheit, bereits im Oktober Weihnachtslieder zu singen, ohne dafür ausgelacht zu werden. Es war mir gelungen, in den Kreis der Engel aufgenommen zu werden, die den Hirten auf dem Felde erschienen. Auf diese Weise konnte ich regelmäßig an den Übungsstunden für das Krippenspiel teilzunehmen. Das Krippenspiel wurde übrigens regelmäßig am 4. Advent in der Kirche aufgeführt.

Als die Zeiten ein wenig besser wurden, stellte die Gemeinde zum 1. Advent auf dem Marktplatz einen Tannenbaum auf, der mit elektrischen Kerzen versehen war. Der Baum blieb stets bis zum 6. Januar stehen.

Zum Thema Weihnachten fällt mir noch ein besonderes Erlebnis ein. Es war wohl noch während der schlechten Zeit, es kann aber auch Weihnachten 1948 gewesen sein. Ich war eine ausgesprochene Süßschnut, also ein Junge, dem nichts süß genug sein konnte. Gab es irgendwo Zucker, dann war ich nicht zu halten. Das machte meiner Mutter Sorgen. Vater liebte Radikalkuren und versprach ihr, mich von dieser wenigstens für die Zähne ungesunden Angewohnheit zu heilen. Und so fand ich auf dem Gabentisch zu Weihnachten als Geschenk für mich mehrere Tüten mit insgesamt 5 (in Worten: fünf) Pfund Würfelzucker. Wahrscheinlich war es doch nach der Währungsreform. Vater war überzeugt, dass ich mir den Zucker überessen würde oder dass mir wenigstens richtig schlecht würde und ich fortan die Finger vom Zucker lassen würde. Nichts von alledem. Schon am 2. Weihnachtsfeiertag war von dem Zucker nur noch ein winziger Rest übrig und ich war quietschfidel und putzmunter. Vaters Therapie hatte nicht angeschlagen und seine fröhliche Zuversicht wandelte sich in bissige Bemerkungen mir gegenüber.

Im April 1946 wurde ich eingeschult. Die Schule war ein roter Backsteinbau in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Am ersten Schultag wurde uns ein Märchenfilm gezeigt. Mutti war nicht dabei. Als ich nach Hause kam, gab es für mich eine Schultüte. Keine so große, wie sie die meisten anderen Kinder bekommen hatten, sondern eine kleine. Trotzdem war eine ganze Menge darin. Ein paar Bonbons und ein paar Kekse.

Ich muss zu jener Zeit Entwicklungstendenzen zum Macho gezeigt haben. Mutti erzählte noch Jahre später, was ich auf ihre Fragen geantwortet hatte, als sie mich fragte, wie ich meinen ersten Schultag erlebt hatte. "Wir haben Weiber in unserer Klasse," war mein kurzer von Verachtung geprägter Bericht über meinen ersten Schritt in einen neuen Lebensabschnitt.

4. Fortsetzung

Bei meiner Einschulung im Frühjahr 1946 hatte übrigens wieder mein Sonntagskind-Schutzengel die Hand über mich gehalten. Der Jahrgang bestand aus drei Klassen, 1 A, 1B und 1C. Der Lehrer meiner Klasse war ein begabter Lehrer, der uns mit viel Geduld unterrichtete. Er wurde niemals laut und schlug uns niemals. Das war zu jener Zeit eine wirkliche Ausnahme. Prügelstrafe in der Schule war eher die Regel. Unser Lehrer hatte sich im Krieg eine Krankheit geholt, die ihn in regelmäßigen Abständen für ein oder zwei Tage ans Bett fesselte. Dann wurden die Kinder unserer Klasse zum Unterricht auf die beiden anderen Klassen aufgeteilt. Ich kam regelmäßig in die Klasse B. Vor dem Lehrer hatte ich Angst. Er war ein Prügellehrer. Das Prügelgerät war eine dünne elastische Gerte. War der Übeltäter ein Mädchen, dann schlug er heftig auf die Innenfläche der geöffneten Hand. Bei Jungen gab es ebenfalls Schläge auf die flache Hand oder bei schwereren Vergehen mussten sie sich bücken und es gab Schläge auf das Hinterteil. Der Anlass war oft genug nichtig. Aus heutiger Sicht ist es für mich erstaunlich, dass niemand der Eltern die sadistische Neigung dieses Lehrers erkannte und seinen Erziehungsmethoden Einhalt gebot.

In der C-Klasse hatte ich selten Unterricht. Von diesen wenigen Stunden ist keinerlei Erinnerung bei mir zurückgeblieben.

Die Qualität der Unterrichte in den drei Klassen wurde im Frühjahr 1950 deutlich. Damals mussten sich die Schüler, die für weiterführende Schulen vorgeschlagen worden waren, einer mehrtägigen Aufnahmeprüfung unterziehen. Es waren aus allen Klassen annähernd die gleiche Anzahl Schüler, die in die Kreisstadt zur Prüfung fuhren. Von den Prüflingen aus meiner Klasse bestanden fast alle die Prüfung, aus den anderen beiden Klassen waren es nur wenige Schüler und Schülerinnen, die nach Ostern auf die weiter führenden Schulen gehen durften. Im Juni 1948 änderte sich das Leben. Der ganz große Hunger nahm endlich ein Ende. Mit der Währungsreform füllten sich fast über Nacht die Schaufenster. Für Lebensmittel musste man zwar noch Lebensmittelmarken abgeben, aber wenn man keine mehr hatte, gab es Brot oder anderes auch ohne Marken. Es war fast wie im Paradies. Es gab neues Geld. Alles nur Scheine, selbst die Pfennige. Bedauerlich nur, dass wir jetzt - im Gegensatz zur Reichsmarkzeit - kaum Geld hatten. Einige Preise, die sich bei mir eingeprägt hatten: Ein Brötchen kostete beim Bäcker 4 ½ Pfennige, d.h. für ein Brötchen musste man 5 Pfennig, für 2 Brötchen 9 Pfennig bezahlen. Eine Eiskugel kostete 5 Pfennig. Briefporto kostete 20 Pfennig, Postkarten 10 Pfennig. Etwas später kam pro Sendung eine kleine blaue Marke für 2 Pfennig dazu. Das war das so genannte Notopfer Berlin.

Altes Geld wurde in begrenztem Umfang im Verhältnis 1 : 10 umgetauscht. Alte Briefmarken konnten im gleichen Verhältnis verwendet werden. Noch in den sechziger Jahren besaß ich einen Briefumschlag von Tante Lotte, die zu der Zeit auf der auswärts arbeitete, der rundherum mit alten Briefmarken beklebt war. Sicherlich eine philatelistische Rarität, die aber leider verloren gegangen ist.

Ich kann mich auch an Briefmarken erinnern, die mit einem zusätzlich Druck, einem so genannten Überdruck, versehen waren. Wie das aber genau war, weiß ich nicht mehr. Ich lernte zu jener Zeit auch, dass durchaus nicht alle Menschen ein gutes Herz hatten. Es muss in der Zeit kurz vor der Währungsreform gewesen sein. Ich war damals immerhin schon 9 Jahre alt und mein größter Wunsch war eine eigene Armbanduhr. In unserem Dorf fand das Schützenfest statt. Auf dem Schützenplatz gab es Karussells, Schiffschaukeln, Bollmanns Pferdewürstchen und neben allem auch eine Losbude. Das Los kostete 20 Pfennig. Als wertvolle Gewinne lagen dort Armbanduhren. Mein geheimer Traum: Es musste doch möglich sein, so eine Uhr zu gewinnen. Nachdem ich alles Geld, das mir für das Schützenfest zugesteckt worden war, erfolglos in Lose umgesetzt hatte, eilte ich nach Hause und ließ mir von Mutti mein Spargeld geben. Das waren zehn Mark. Mit dem Geld ging es zurück zum Schützenplatz. Vor der Losbude stand eine große Menschentraube. Offensichtlich wollten auch andere schnell und billig etwas Wertvolles gewinnen. Ich reihte mich ein und hielt den 10-Mark-Schein in der Hand. Plötzlich war der Schein fort. Es war jemand von hinten an mich heran geschlichen und hatte mich frech beklaut. Ich konnte nicht erkennen, wer es war, aber es waren Jungen aus unserem Dorf, älter und stärker als ich, die sich mit meinem Schein davon machten. Ich war erstmals in meinem Leben gemein beklaut worden. Für mich war dieses Erlebnis schlimm, für die Diebe vielleicht eine Sache, die sie nach kurzer Zeit schon wieder vergessen hatten. Aber noch heute habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Männern aus unserem Dorf, die wenig älter als ich sind. Jeder von ihnen kann derjenige sein, der mich damals so gemein beklaut hat. Das Nachspiel kam dann noch zu Hause. Mutti wollte nämlich von dem Geld den Teil zurück haben, der übrig geblieben war. Sie konnte es nicht fassen, dass ich die gesamten 10 Mark verbraten hatte. Karussell fahren kostete Pfennige, Schiffschaukel auch. Wie also bringt ein Junge 10 Mark unter die Leute? Ich getraute mich nicht, einzugestehen, dass ich beklaut worden war und behauptete, das Geld für Karussell und ähnlich es ausgegeben zu haben. Mutti hat mir nicht geglaubt, aber irgendwann hörte sie auf, zu fragen.

Klauen war in der Zeit übrigens keine Ausnahme. Und die Sache mit den 10 Mark war durchaus nicht das einzige Mal, dass ich beklaut wurde. Ich weiß nicht mehr, wann es war, als ich mich der Briefmarkensammelei widmete. Das Briefmarkenalbum hatte ich mir selbst gebastelt. Ein Schulheft wurde Seite für Seite mit schmalen Papierstreifen beklebt, unter die sich die gesammelten Marken schieben ließen. Es waren bestimmt keine wertvollen Marken, die ich darin aufbewahrte. Aber ich war stolz darauf. Eines Tages zeigte ich meinen "Freunden" von der Straße die Sammlung. Wenig später war sie verschwunden. Wer sie geklaut hatte, ließ sich nicht feststellen.

Als ich in der vierten Klasse war und es sich abzeichnete, dass ich im Frühjahr auf die höhere Schule gehen würde, wünschte ich mir zu Weihnachten einen Füllfederhalter. Der lag dann auch tatsächlich auf dem Gabentisch. Ein wertvoller Füller mit 14 Karat vergoldeter Feder mit Iridiumspitze. Was auch immer das war. Ich war stolz darauf und konnte gar nicht abwarten, dass die Schule nach den Weihnachtsferien wieder begann. Ich konnte mit dem Füller sauber schreiben und hatte damit vielen in der Klasse etwas voraus. Die Freude dauerte nicht lange. Schon kurze Zeit später war ich ihn wieder los. Geklaut. Aus meiner Stoffschultasche, die ich an die Seite gelegt hatte, als ich eines Tages nach der Schule nicht sofort nach Hause ging, sondern erst noch ein wenig spielen wollte.

Mutti hatte nicht das Geld, mir einen neuen Füllfederhalter zu kaufen. So war ich wieder auf Federhalter und Tintenfass angewiesen. In dem Gymnasium durfte nicht mit Bleistift geschrieben werden. Kugelschreiber gab es noch nicht. Das Schreiben mit Feder und Tinte war ein echtes Handicap, in dessen Folge ich manche schlechte Note bekam.

Die Zeit nach der Währungsreform war dadurch gekennzeichnet, dass es im Gegensatz zu den sehr schlimmen Nachkriegsjahren eigentlich alles gab, was das Herz begehrte. Nur eben war es unerreichbar, weil dazu das erforderliche Geld fehlte. So änderte sich unser Verhalten in Richtung von Überlegungen, wie man zu Geld kommen konnte. Eine Möglichkeit für uns Kinder waren Altmetalle. Mehrmals im Jahr ließ sich auf dem Marktplatz ein Altmetallhändler nieder. Für Alteisen zahlte er 8 bis 10 Pfennig für das Kilo. Buntmetalle waren deutlich teurer, dafür aber auch umso schwerer zu bekommen. Eine Quelle für Alteisen war die Müllgrube, ein stillgelegter Kalksteinbruch am Ortsrand. In dieser tiefen Grube wurde seit undenklichen Zeiten der Hausmüll entsorgt. Wenn man diesen Müll durchwühlte, stieß man immer wieder auf Metallreste, die dann einige Pfennige beim Altwarenhändler brachten.

In dieser Müllgrube wimmelte es übrigens von Ratten, auf die wir in späteren Jahren mit dem Luftgewehr Jagd machten. Heute ist die Müllkippe verschwunden.
Aus dieser Zeit fällt mir noch eine Veranstaltung ein, die einmal im Jahr stattfand. Das Fahnenjagen. Das Fahnenjagen war ein Fest der in der Landwirtschaft arbeitenden Männer. Es fand stets sonntags nachmittags unter reger Beteiligung der Bevölkerung auf dem Schützenplatz statt. Aus Pfählen war ein Tor aufgestellt, an dessen Querbalken ein Kranz aufgehängt wurde. Die Knechte der verschiedenen Bauernhöfe traten nun zum Wettstreit an. Sie mussten in scharfem Galopp auf einem Pferd durch das Tor reiten und dabei mit einer Stange den Kranz vom Haken stechen. Nach jedem Durchgang wurde ein neuer Kranz aufgehängt, der ein wenig kleiner als der vorige war. Wer den Kranz nicht traf, schied aus dem Wettbewerb aus. Sieger war, wer am Ende übrig blieb. Schaueinlage bei diesem Wettbewerb war immer ein Ritt eines der Teilnehmer auf einem Ochsen.
Dies fand allerdings außer Konkurrenz statt. Am Abend trafen sich die Teilnehmer und ihre Herrschaften in einem Saal zu Tanz und Frohsinn. Da war ich als Kind allerdings nicht zugelassen.

Im Frühjahr 1950 bestand ich die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium. Es war die gleiche Schule, die mein Bruder seit einigen Jahren besuchte. Von jetzt an hieß es, jeden Morgen in aller Frühe aufstehen und zum Bahnhof laufen, um 06.46 Uhr mit dem Zug in die Kreisstadt fahren, dort um 07.13 Uhr ankommen und zur Schule gehen. Der Unterricht begann um 07.50 Uhr und endete, wenn wir sechs Unterrichtsstunden hatten um 13.00 Uhr. Um 14.03 fuhr der Zug nach Hause wieder ab und kam gegen 14.30 Uhr in unserem Dorf an. Dann noch gut 10 Minuten Fußweg und ich war wieder zu Hause. Hatten wir nur 4 Unterrichtsstunden und der Lehrer war so gnädig, uns Fahrschüler ein paar Minuten vor Unterrichtsende zu entlassen, dann bekamen wir noch den Zug um 11.20 Uhr und waren dann bereits um 12.00 Uhr zu Hause. Verbummelte ich allerdings die Zeit und verpasste den Zug am Morgen, dann kam ich erst zur dritten Stunde in den Unterricht, was regelmäßig einen Tadel und einen Eintrag ins Klassenbuch einbrachte. Verpasste ich den Rückzug zu Mittag, dann hieß es, mehr als zwei Stunden warten und ich kam erst nach 17.00 Uhr wieder zu Hause an. Wieder zu Hause gab es etwas zu essen. Danach mussten noch Schularbeiten gemacht werden und die waren nicht gerade knapp bemessen. Das war der werktägliche Tageslauf, montags bis samstags. Ausgenommen waren die Ferien. Allerdings, in den ersten Wochen der Schulzeit am Gymnasium wurden wir Sextaner noch ein wenig nachsichtiger behandelt. Wir hatten einen Tag in der Woche frei. Allerdings nur, wenn wir nicht nachsitzen mussten. Nachsitzen oder "brummen", wie es im Schülerjargon hieß, war eine beliebte Strafe für kleine Nachlässigkeiten von uns Schülern. Waren zum Beispiel die Hausaufgaben nicht gemacht oder wurde der Unterricht durch Albernheiten gestört, dann verhängte der Lehrer eine oder zwei Stunden "brummen". Das bedeutete für Fahrschüler, dass der freie Tag in der Woche ein normaler Schultag wurde. Musste am Nachmittag gebrummt werden, dann kam man eben erst um fünf oder gar noch später nach Hause. Wen inte ressierte das schon? Der freie Tag für die Sextaner hatte seinen Grund nicht darin, dass man mit uns 10jährigen Jungen Mitleid hatte, sondern vielmehr darin, dass ein Mangel an Lehrkräften herrschte. Die Lehrer waren nämlich im Krieg geblieben oder noch nicht zurückgekehrt. Das führte zu der Notlösung, dass man auf Lehrer zurückgriff, die schon weit jenseits des Pensionsalters waren. Das, was wir Schüler in den ersten Jahren meiner Zeit am Gymnasium erlebten, hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Verfilmung von Heinrich Spoerls Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann aus dem Jahr 1944.

Meine Schule war zu jener Zeit eine reine Jungenschule. Ein großer Backsteinbau mit einer Inschrift über dem Haupteingang: "Deo et studiosae juventuti". Das heißt: "Gott und der studierenden Jugend".

Die unterste Klasse war die Sexta, die folgenden Klassen waren Quinta, Quarta, Unter- und Obertertia, Unter- und Obersekunda und schließlich Unter- und Oberprima. Meine Sexta war eine überfüllte Klasse mit 48 Schülern. Klassenlehrer war einer der wenigen jüngeren Lehrer. Bei ihm hatten wir Mathematik, Biologie und Sport. Er war ein emotionsfreier Lehrer, bei dem wir Bruchrechnung, Klammerrechnung und Prozentrechnung lernten. Im Biologieunterricht lernten wir bei ihm Stempel, Griffel und Narbe von Blütenpflanzen anhand der Anemone kennen. Und im Sportunterricht bewunderten wir ihn, weil er es schaffte, in drei Zügen am Tau hinauf zu klettern. Wir brauchten damals wenigstens sechs oder sieben Züge.
Deutsch und Erdkunde hatten wir bei einem Studienrat genannt Hennecke. Der Name Hennecke kam von einem selbst im Westen bekannten Aktivisten in der Ostzone - DDR durfte man damals noch nicht sagen - der sein Plansoll um vieles zu übertreffen wusste. Hennecke hatte eine sehr laute Stimme, war ausgesprochen streng und schnell mit dem Verhängen von "Brummen". Bei ihm lernten wir Grammatik und die lateinischen Bezeichnungen von grammatikalischen Begriffen. Der Englischlehrer war "Ottchen" nach seinem Vornamen Otto. Ottchen wohnte in einem Nachbardorf und war "Fahrschüler" wie wir. Allerdings fuhr er in der zweiten Wagenklasse, wir Schüler durften nur in der dritten Klasse fahren. Die Personenzüge, mit denen wir fuhren, wurden noch von Dampflokomotiven gezogen. Die Waggons waren fast durchweg Wagen der dritten Klasse mit Holzbänken. Nur ein Wagen des Zuges war ein Wagen zweiter Klasse. Bei dem waren die Sitze gepolstert. Es gab auch noch Wagen der ehemaligen vierten Klasse, die aber als Wagen der dritten Klasse fuhren. Das waren Wagen für Reisende mit Traglasten. Die Abteile waren nicht unterteilt und hatten grobe Holzbänke ringsum. Diese Wagen verschwanden später. Die Wagenklassen wurden irgendwann Mitte der fünfziger Jahre umbenannt. Die dritte Klasse wurde zur zweiten Klasse und die ehemalige zweite Klasse wurde zur ersten Klasse. Zurück zu Ottchen. Bei ihm war es nicht anders als bei anderen Lehrern. Zu Beginn des Unterrichts wurde ihm vom Tafeldienst die Tür aufgehalten. Wir Schüler wurden vorgewarnt: "Achtung, er kommt!" Das war für uns das Zeichen, aus den Bänken heraus zu treten und neben unseren Plätzen in Habachtstellung zu stehen. Der Lehrer, in diesem Fall Ottchen, stellte sich vor uns hin und musterte uns. Dann begrüßte er uns mit "Morning boys!". Daraufhin antworteten wir: "Morning, Sir!", worauf er wiederum antwortete: "Sit down" begleitet von einem Zeichen seines ausgestreckten Daumens. Wir hatten im Chor zu antworten: "We sit down". Damit war die Eingangszeremonie beendet. Sie war bei Ottchen in jeder Klasse üblich, einerlei ob Sexta oder Prima.

Auch bei Ottchen gab es bestrafenswürdige Verbrechen. Seine Strafen allerdings hatten individuellen Charakter. Individuell bezogen auf Ottchen, nicht auf den Delinquenten. Der Übeltäter musste nach vorne kommen und erhielt drei Backpfeifen. Eine links, eine rechts und die letzte im Doppelpack mit beiden Händen auf beide Wangen. Um die Angelegenheit zu vervollständigen, musste der Bestrafte mitzählen und zwar in englisch: "One, two, three!" Die Kraft der Backpfeifen richtete sich nach der Schwere des Vergehens. Die Umstellung von der eher durch spielerisches Lernen gekennzeichneten Volksschule zur lernintensiven höheren Schule fiel mir nicht leicht. Ich war lange Zeit der Meinung, dass ich alles zu Lernende aus dem Ärmel schütteln konnte. Das war aber beileibe nicht so. Ganz gewiss spielten auch die körperlichen Anforderungen für meine Entwicklung eine wichtige Rolle. Es muss wohl in der Quinta gewesen sein, als mich die Krise erfasste. Heute würde man das vielleicht als "Burn Out Syndrom" bezeichnen. Jedenfalls wurde ich von einer für mich unbegreiflichen Lustlosigkeit erfasst. Sie dauerte nicht etwa wenige Tage, sondern etliche Wochen. Mir war alles egal. Ich lernte nicht mehr. Mir waren die Ergebnisse der Klassenarbeiten einerlei. In den Klassenarbeiten schrieb ich nicht etwa "Fünfer" sondern etliche "Sechser". Mutti habe ich davon nichts erzählt. Aber ich fühlte selbst, dass dies eine schlimme Zeit war. Meine Noten rutschten tief in den Keller. So im Nachhinein betrachtet, kann es auch der Beginn meiner Pubertät gewesen sein. Aber wie sollte ich das wissen?

Mein Glück war, dass diese Phase in den Herbst fiel. Es gab zwar zu Weihnachten einen saftigen "Blauen Brief", aber ich fing mich in der verbleibenden Zeit dieses Schuljahres gerade noch rechtzeitig auf, um zu Ostern in die nächste Klasse versetzt zu werden. Unter den Lehrern gab es viele, die ausgesprochen farblos waren und bei denen es mir schwer fällt, mich nur an ihre Namen zu erinnern. Andere Lehrer waren skurrile Figuren mit einzigartigen Eigenheiten. Durchaus nicht immer positiv. Aber in der Erinnerung bemerkenswert und oft lustig.
Einer dieser skurrilen Typen war Köddel. Weshalb er "Köddel" genannt wurde, weiß ich nicht. Bei Köddel hatten wir irgendwann in der Unterstufe Deutsch. Aus dieser Zeit ist mir nur ein Erlebnis in Erinnerung. Seine Aufgabe an die Klasse: Jeder von uns hatte einen "Vortrag" zu einem Thema nach eigener Wahl zu halten. Es erfolgte keinerlei Hilfestellung und keinerlei Ratschläge, wie wir an die Aufgabe herangehen sollten. Immer am Samstag sollten die Vorträge gehalten werden. Für Köddel ein vorgezogener arbeitsfreier Samstag, denn er brauchte nur zuzuhören und eine Note zu geben. Ich hatte mir das Thema "Unsere Flucht" ausgesucht. Schließlich war das ja das einschneidendste Erlebnis in meinem bisherigen Leben gewesen. Als ich an der Reihe war, musste ich vor die Klasse treten und mein Thema bekannt geben. Die Reaktion von Köddel kam unerwartet und nahm mir den letzten Mut. Er brauste auf, als hätte ich ihn vors Schienbein getreten. Er verbot allen übrigen Klassenkameraden, jemals wieder dieses Thema anzufassen.
Nun ja, ich holperte meine Erzählung hinunter, ließ das Donnerwetter über mich ergehen, dass dies ja wohl kein Vortrag gewesen sei und war froh, die Überforderung endlich hinter mich gebracht zu haben.
Wir wohnten ja nun in einer Gegend, in der Zuckerrübenanbau betrieben wird. Jedes zweite Dorf hatte seine Zuckerfabrik. Überall dampften im Herbst die übel riechenden Schwaden aus der Zuckerproduktion übers Land. So hatten auch etliche meiner Klassenkameraden das Thema "Besichtigung einer Zuckerfabrik" für ihren Vortrag ausgewählt. Viel besser als mein Vortrag können die aber auch nicht gewesen sein, denn ich wusste auch am Ende der Vortragsreihe nicht mehr über die Zuckerherstellung als vorher.
Köddel wohnte in einem Haus neben der Schule. Er hatte durch seine Ehefrau Verbindungen zu einer Möbelfabrik und schwamm offensichtlich im Geld. Das hinderte ihn aber nicht daran, regelmäßig auf jene Neureichen zu schimpfen, die in dieser Zeit der wirtschaftlichen Erholung unseres Landes schnell und unverdient zu Geld gekommen waren und es sich leisten konnten, sonntags mit dem Auto fort zu fahren, nur um auswärts Kaffee zu trinken. Er hatte aber auch keine Skrupel in einer der nächsten Unterrichtsstunden zu erzählen, dass er am Wochenende fort war und Kaffee getrunken hatte. Köddel war einer der wenigen Lehrer unserer Schule, die schon in frühen Jahren ein Auto besaßen. Und dieses Auto war kein einfacher Volkswagen sondern irgendein Fahrzeug mindestens der "Mittelklasse". Es war ein Opel oder Mercedes, ich weiß es nicht mehr.
Köddel war in einem der beiden großen Kriege Artilleriebeobachter an der Westfront gewesen. Davon erzählte er gerne. Uns Schülern war dies recht. Solange er von seinen Erlebnissen erzählte, gab es keine schlechten Noten.
Köddel war in der Oberstufe erneut unser Deutschlehrer. Die Deutschnoten im Zeugnis resultierten aus Aufsätzen, von denen wir in einem Schuljahr sechs zu schreiben hatten. Es muss in der Obersekunda gewesen sein. Ich war Köddel bis dahin wohl nicht unangenehm aufgefallen. Im Gegenteil, er schien mich zu mögen. Meine Aufsatznoten lagen stets im Bereich "gut". Im zweiten Halbjahr muss irgendetwas vorgefallen sein, das mich bei ihm in Ungnade fallen ließ. Nunmehr wandelten sich die Noten von "gut" in "mangelhaft". Vor dem letzten Aufsatz lag der Querschnitt aller Aufsatznoten knapp unter 4,5. Der letzte Aufsatz würde über mein weiteres Schicksal entscheiden. Das Risiko, mich ein weiteres Mal seiner Willkür auszusetzen, wollte und konnte ich nicht eingehen. Also überredete ich Mutti, mir am Tag der Klassenarbeit eine Entschuldigung wegen schwerer Erkältung zu schreiben. Damit hielt ich meine Note "ausreichend" in Deutsch und sicherte meine Versetzung in die nächste Klasse. Anders als heute war es zu jener Zeit nicht möglich, in der Oberstufe, also ab Obersekunda aufwärts, mit einem "mangelhaft" in Deutsch versetzt zu werden.
In der Folge kam mir Köddels Faulheit zugute. Er drohte mir zunächst an, dass ich die Klassenarbeit nachzuschreiben hätte. Das aber fand dann doch nicht statt. Er hätte mich nämlich dafür etliche Stunden beaufsichtigen müssen. Ich erinnere mich noch genau an seine Worte am Tag nach der Versetzungskonferenz. Im Hinausgehen aus dem Klassenraum am Ende seines Unterrichts wandte er sich mir zu und sagte: "Wenn Sie den letzten Aufsatz mit geschrieben hätten, wären sie kleben geblieben." Nun ja, mein Sonntagskind-Schutzengel hatte wieder einmal die Hand über mich gehalten.

Mein Bruder Fritz besuchte, wie gesagt, dieselbe Schule. Er war vier oder fünf Klassen über mir und ein hell leuchtender Stern am Schulhimmel. Einen Schüler mit derart guten Noten, wie sie Fritz erreichte, hatte die Schule noch niemals gesehen. Eine Note 2 bedeutete für ihn schon eine schlechte Note. Das mag für ihn erfreulich gewesen sein, für mich bedeutete dies eine Last. Ständig wurden meine Leistungen mit denen meines Bruders verglichen und oft genug bekam ich die Enttäuschung des Lehrers zu spüren, wenn meine Noten nicht so gut waren wie die von Fritz. Dabei ist mir ein Erlebnis in besonderer Erinnerung geblieben, das mir ein Vertretungslehrer bescherte. Er stellte eine Frage, die ich richtig beantwortete. Ich weiß nicht mehr, worum es ging. Das ist auch einerlei, aber zwei und zwei ist eben vier. Besser geht es nicht. Bei jenem Lehrer allerdings mag es wohl doch ein "noch besser" gegeben haben. Er reagierte auf meine richtige Antwort mit einem abfälligen: "Dein Bruder hätte das aber besser gewusst!"

Fortsetzung folgt.

Eine Geschichte von: Novis

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