Zwei Wahlen in der DDR

  • Zwei Wahlen in der DDR

     Mondin antwortete vor 1 Jahr, 5 Monate 2 Teilnehmer · 2 Beiträge
  • Constantia

    Organisator
    16. Mai 2019 um 17:37

    An zwei Wahlen in der DDR kann ich mich sehr gut erinnern.

    Es war irgendwann Ende der 50iger, Anfang der 60iger schätze ich mal. Ein Wahlsonntag. Meine Eltern hatten den vergangenen Abend leicht feucht-fröhlich verbracht.

    So legten meine Eltern fest, dass es eine Mittagsruhe geben müsse, anschließend wolle man einen Spaziergang zum Wahllokal machen und seine "staatsbürgerliche Pflicht" erledigen.

    Plötzlich in dieser himmlischen Ruhe heftiges Klingeln an der Wohnungstür. Zwei Personen, ein Mann und eine Frau standen mit einer Pappkarton vor der Wohungstür. Meine Eltern wären noch nicht wählen gewesen, man nehme an, dass sie aus irgendeinem Grund nicht in der Lage wären und käme ihnen sozusagen entgegen.

    Zunächst sprachlos, entschieden sie sich zu wählen. Als meine Mutter wieder Worte hatte kam die Ansage "Von denen lass ich mir meinen Spaziergang nicht nehmen." Die ganze Familie spazierte also ins Wahllokal, meine Mutter ließ ihren Frust ab, ihr zu unterstellen nicht wählen zu wollen. Das Wahllokal hätte bis 18 Uhr auf und selbst wenn sie zwei Minuten vor sechs käme, wäre das noch früh genug. Meinem Vater war es irgendwie peinlich, er hielt sich dezent im Hintergrund.

    Anschließend gab es in der Stammkneipe für alle Würstchen und Bier bzw. Limo.

    Jahre später, meine Ehe war in die Brüche gegangen. Was zu einer endgültigen Trennung fehlte war eine Wohnung für mich. Mein Ex, in dessen Haus ich mit unserem Sohn immer noch wohnen musste, hatte eine Eingabe gemacht. Wenn ich nicht endlich eine ordentliche Wohnung erhielte, würde er nicht wählen gehen.

    Der Herr von der Betriebswohnungskommission zog drei Wohnungen, die kurz vor dem Einfallen waren, aus dem Hut und wollte meinem Ex damit überreden wählen zu gehen. Die Wohnungen wurden abgelehnt, es war ja auch sein Kind, das da leben sollte.

    Das war an einem Freitag. Sonntags war Wahl. Und nun machte mein Ex, das was meine Mutter schon angedeutet hatte, er ging wenige Minuten vor 18 Uhr ins Wahllokal samt seiner Wahlbenachrichtigung.

    Aber er stand gar nicht in der Liste. Chaos unter den Ehrenamtichen im Wahllokal. Anruf im Rathaus und ich weiß nicht, wo noch. Endlich Anweisung Extra-Protokoll anfertigen. Wählen lassen.

    Schlussfolgerung: Wer im Vorfeld ankündigte nicht zu wählen, kam erst gar nicht in die Liste. Auch ein Baustein zu den Prozentzahlen in der DDR.

    Seitdem, immer wenn ich wählen gehe, beschleicht mich so ein Gefühl. Was passsiert, wenn ich nicht in der Liste stehe?

    Constantia

  • Mondin

    Teilnehmer
    16. Mai 2019 um 19:36

    Das ist ja krass! Auf die Idee muss man erst mal kommen! Und da zeigt sich auch mal wieder, wie unterschiedliche Erfahrungen uns immer noch trennen.

    Wählen gehen: für mich ein Privileg, das ich selbstverständlich und ohne irgendwelche negativen Erinnerungen wahr nehme. Und auf der anderen Seite beladen mit Gefühlen.

    Aber schön, dass wir die Möglichkeit haben, über das Erlebte zu reden.

    Mondin

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