Mein erster Flug (1967)

  • Mein erster Flug (1967)

     Suffade antwortete vor 5 Tagen, 22 Stunden 1 Teilnehmer · 1 Senden
  • Suffade

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    10. Juli 2024 um 13:25

    Den entscheidenden Impuls gab mir ein Plakat im Vorraum des Reisebüros. „Take off – West-Berlin“ erregte mein Interesse. Die sympathische Reiseexpertin hinter dem Tresen ließ mich die geplante Bahnreise schnell vergessen. Als sie augenzwinkernd sagte: „Der moderne Mensch fliegt, mein Herr!“, hatte sie mich überzeugt. Ich wollte ohnehin auf dem schnellsten Weg zu meiner Freundin. Renate war eine Urlaubsbekanntschaft und wohnte in Berlin.

    Auf der Besucherterrasse konnte ich beobachten, wie die Vickers Viscount langsam ausrollte und dicht vor dem Terminal München-Riem zum Stillstand kam. Das Flugzeug von British European Airways würde mich hoffentlich sicher nach West-Berlin bringen. Ich war fasziniert von der Atmosphäre am Flughafen. Ständiges Kommen und Gehen von Menschen und Maschinen ließ mich keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Von der Startbahn dröhnten die Motoren der startenden Düsenjets herüber. Ich fühlte mich als Mann von Welt, es war einfach großartig. Flugangst? Ich doch nicht! Das Bauchkrumeln ignorierend begab ich mich betont lässig zum Gate .

    Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich in einem Flugzeug. Ich war überzeugt, der einzige Passagier in diesem Flieger zu sein, der noch nie geflogen ist. Auf keinen Fall wollte ich, dass mir das jemand ansieht. An der Gangway hatte die Stewardess gratis Zeitungen angeboten. Auf meinem Fensterplatz angekommen, entdeckte ich an der Rückenlehne des Vordersitzes eine Broschüre mit Verhaltensregeln. Vorsichtig, so, dass es keiner bemerkte, legte ich den Folder zwischen die Zeitung und begann zu lesen – und wurde stutzig. Die Schwimmwesten befänden sich unter dem Sitz, stand da, und was im Falle einer Notwasserung zu tun wäre. So viel wusste ich, wir fliegen über kein Meer. Notwassern? In Berlin? Ich wurde nervös. In der Sekunde, als die Maschine festen Boden verließ, schloss ich die Augen. Weil, wie durch ein Wunder, nichts Gröberes passierte, wurde mir wider Erwarten nicht schlecht. Wo sind eigentlich die berühmten Kotztüten? Ich entschloss mich, nicht weiterzulesen. Mein Gesicht klebte an der kühlen Scheibe. Mein Mantra hieß: Tief atmen, locker bleiben! Wenn schon fliegen, dann ganz bewusst. Noch nie wird jemand einen Flug so in sich aufgesogen haben, wie ich.

    Über Berlin hingen Wolkenfetzen als der Flieger zur Landung ansetzte. Während er tiefer und tiefer sank, der Dunst sich langsam lichtete, kam aus meiner Fensterluke ein graues Häusermeer auf mich zu. Der Flughafen Berlin-Tempelhof lag mitten in der Stadt. Mit feuchten Händen klammerte ich mich an meinen Sitz. Wenn der bloß nicht mit der Tragfläche einen der Kamine unter uns rasiert, dachte ich. Die Spannung ließ nach, als das Flugzeug langsam in geringer Höhe über der stark befahrenen Stadtautobahn schwebte. Sekunden später ging ein Rumpeln durch den Flieger, die Maschine hatte sicher auf der Landebahn aufgesetzt. Trotzdem kam es mir vor, als hätte die Maschine vor Freude einen freudigen Hopser gemacht – genau wie mein Herz, als ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte.

    ©Suffade

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