Schwarzer Markt (1): Wiederbeginn im Chaos

  • Schwarzer Markt (1): Wiederbeginn im Chaos

     Stapsi antwortete vor 1 Jahr, 4 Monate 1 Teilnehmer · 1 Senden
  • Stapsi

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    28. August 2019 um 21:47

    Erzählungen über die chaotische Zeit kurz nach dem Zusammenbruch des "Dritten", des "Großdeutschen" Reiches, sind von Menschen wahrlich nicht zu begreifen, die diese Phase der Rache der Siegermächte, des Lebens in Ruinen, des Darbens und der Ängste bei den Gedanken an das Morgen nicht an eigenem Leibe ertragen mussten, die nicht quälenden Hunger zu mildern versuchten, indem sie ihre Habseligkeiten zum Kauf anboten, um für das dafür erworbene wertlose Geld oder im direkten Tausch eine Handvoll Essbares zu ergattern.

    Es war mein Glück, am Ende des Weltenkonfliktes 13 Jahre jung gewesen zu sein. Freunde, die wenig älter waren, mussten ihre HJ-Uniform anziehen, Panzersperren errichten und verteidigen und dabei nicht selten ihr Leben für eine Sinnlosigkeit opfern.

    In den sechs Monaten nach Kriegsende, also von Anfang Mai bis in den Herbst 1945 hinein, durfte in den Schulen nicht unterrichtet werden. Lehrer, die der faschistischen NSDAP angehört hatten, wurden ihres Amtes enthoben, oft "strengen Verhören" unterworfen und nicht selten in ein KZ verbracht. Das führte in den Schulen unausweichlich zu einem Vakuum, dem man auf verschiedene Weise zu begegnen suchte. In erster Linie wurden bereits pensionierte Lehrer, sofern sie sich politisch unauffällig verhalten hatten, aufgefordert, sich weiterhin dem Schuldienst zu stellen. Ferner warb man in der Bürgerschaft "Hilfslehrer", denen man auftrug, vor allem in den unteren Klassen Unterricht zu erteilen. Gleichzeitig begann die Intensivausbildung von "Neulehrern", die neben Pädagogik vor allem proletarische Weltanschauung zu studieren hatten. Erst ab Oktober 1945 durfte wieder unterrichtet werden.

    Zu dieser Zeit also war es, als ich nach Chemnitz in die Oberschule geschickt wurde. Das hätte ich fast nicht überstanden, denn Großmutter musste mich täglich mit lediglich zwei Scheiben Brot auf den Weg schicken, die sie mangels eines Aufstrichs zuvor auf dem Küchenherd etwas geröstet hatte. Dazu erhielt ich die Mahnung, die Schnitten erst in der Schule zu verzehren. Mein Zug in die Kreisstadt fuhr allmorgens um 6 Uhr. Wenn ich Glück hatte, lag das Unterrichtsende so, dass ich kurz nach Mittag wieder nach Hause fahren konnte. Meist aber musste ich die nächste Verbindung gegen 17 Uhr abwarten. In der Schule angekommen, öffnete ich hungrig die Brotbüchse. In dieser hatten inzwischen die gerösteten Schnitten ihre Feuchtigkeit ausgeschwitzt und lagen in einem Wasserbad. Ihr Geschmack ekelte mich, aber ich aß sie, denn sie waren bis zur Heimkehr meine einzige Wegzehrung.

    In der Zeitspanne zwischen Schulaus und Rückfahrt tummelte ich mich auf dem Vorplatz des Chemnitzer Hauptbahnhofes, auf dem sich der "Schwarze Markt" abspielte. Es war interessant, wie die Menschen sich einander näherten, Worte tuschelten und entweder nach kurzem Kopfschütteln wieder auseinander gingen oder hinter verdeckten Händen Geld und Ware den Besitzer wechselten. Das war der Schauplatz, auf dem ich wenige Jahre später ein unvergessliches Erlebnis haben sollte. Allerdings konnte ich dieses Treiben nicht lange beobachten, denn schon bald erkrankte ich schwer und lag bis ins Frühjahr 1946 hinein zu Bett.

    (Fortsetzung im Teil 2)

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