Schule im Krieg

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     Stapsi antwortete vor 1 Jahr, 4 Monate 1 Teilnehmer · 1 Senden
  • Stapsi

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    9. September 2019 um 14:38

    In den ersten drei Klassen wurde noch die "deutsche Schrift" gelehrt, jene steile Schulschrift, die der Grafiker und Pädagoge Ludwig Sütterlin in Anlehnung an die deutsche Kurrentschrift entwickelt hatte und die ab 1935 Teil des offiziellen Lehrplanes geworden war. Im Fach "Schönschreiben" fanden aber auch Elemente der eleganteren, schräg geschriebenen Kurrent Verwendung. Die damals vermittelten Schreibweisen ermöglichen mir noch heute, alte in Kurrent oder Sütterlin abgefasste Dokumente lesen zu können.

    Die Reichsregierung verbot aber 1941 beide deutsche Schriften zugunsten einer einheitlichen lateinischen Schrift, der Deutschen Normalschrift, die nun auch international verständlich war. Da in der dritten Klasse auch die lateinische Schrift zusätzlich zur Sütterlin unterrichtet worden war, verursachte mir die Umstellung keine besonderen Probleme, zumal gestattet wurde, noch bis Ende des vierten Schuljahres nach eigenem Entscheid in deutscher oder lateinischer Schrift zu schreiben.

    Nach meiner Einschulung zu Ostern 1938 waren gerade eineinhalb Jahre vergangen, als am 1. September 1939 der Krieg ausbrach. Die Nachrichtensendungen im Radio meldeten Sieg auf Sieg, und der Krieg selbst war weit von uns weg. Wir lebten ein fast normales Leben, wenn man von einigen Einschränkungen absah. Wie hätte uns Kindern der Gedanke kommen können, über das Leid nachzudenken, was dort herrschen musste, wo die Kampfhandlungen stattfanden?

    Im Jahre 1942, mit Beginn des 5. Schuljahres, wurden wir in das Deutsche Jungvolk (DJ) eingegliedert, der Jugendorganisation der Hitler-Jugend (HJ) für Jungen zwischen 10 und 14 Jahren. Zweck dieser Jugendorganisation war die Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus und eine vormilitärische Ausbildung, die Mitgliedschaft per Gesetz ein Zwang. An bestimmten Tagen hatten wir Pimpfe zum "Dienst" anzutreten, der vor allem aus sportlichen Wettkämpfen, Schießübungen mit dem Luftgewehr oder Geländespielen bestand. Zum Dienst hatten wir in Uniform anzutreten, mit braunem Hemd, kurzer schwarzer Manchesterhose mit Riemen und Koppelschloss, einem Käppi und weißen Kniestrümpfen. Weitere Details, wie Abzeichen und Embleme, spare ich hier aus. Zum Tragen der Uniform bei den Diensten gab es keine Alternative. Das gipfele darin, dass ich 1942 die Kluft mit in den Reisekoffer packen musste, als ich meine Großeltern für mehrere Wochen zu einem Kuraufenthalt nach Bad Mergentheim begleitete. Beim dortigen "Fähnlein" hatte ich mich zu melden und nahm auch am Appell im Hof der dortigen Ordensburg teil. Der Grund meiner Mitreise lag in dem Umstand, dass meine Mutter Mitte des Jahres 1942 einen Einberufungsbefehl erhalten hatte. Auf dem Flugplatz in Klotzsche bei Dresden wurde sie in der Folge als Wetterdiensthelferin ausgebildet.

    Über die Zeit zu berichten, in der der Krieg mit verheerenden Luftangriffen und schließlich auch den erbitterten Kampfhandlungen am Boden ins eigene Land kam, fühle ich mich angesichts meiner damaligen Jugend als nicht kompetent.

    In den letzten Kriegsmonaten wurde meine Schule als Lazarett genutzt. Das Erfordernis, für die ständig steigende Zahl verwundeter Soldaten ausreichend medizinische Versorgungstationen einzurichten, führte in vielen Städten zur Beschlagnahme von Schulen. Aber es fehlte nicht nur an Räumlichkeiten. So mancher Lehrer musste den Wehrdienst antreten. Dafür wurden pensionierte Erzieher aufgefordert oder verpflichtet, ihre Dienstzeit zu verlängern.

    Dieses Thema greife ich im Beitrag "Schwarzer Markt (1) Wiederbeginn im Chaos" nochmals auf.

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