Hungerzeit

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     silver-surferin antwortete vor 1 Jahr, 4 Monate 1 Teilnehmer · 1 Senden
  • silver-surferin

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    5. September 2019 um 17:12

    Beim Lesen dieser Beiträge erinnerte ich mich an ein Erlebnis, das ich schon fast vergessen hatte.
    Auch ich gehöre zu den Jahrgängen, die den Krieg und seine Folgen erlebt haben. Meine Schulzeit endete im April 1945

    Am 8. Mai 1945 wurde der Waffenstillstand verkündet. An der Elbe trafen sich Amis, Russen und Engländer, mein Heimatstädtchen lag mitten drin in dem Getümmel.
    Am 1. Juli 1945 trat das Potsdamer Abkommen in Kraft und wir wurden Ostzone, zuvor waren wir 2 Monate britische Besatzungszone.

    Soviel zur Erklärung, um das weitere zu verstehen.
    Eine der 1. Amtshandlungen der kommunistischen Regierung war die Beschlagnahme des Eigentums einiger Einwohner unseres Ortes, meist Geschäftsinhaber und Mittelbauern.
    Dazu gehörte auch unsere Gärtnerei, das war im September 1945.

    Waren wir bisher Selbstversorger mit Obst und Gemüse, mussten wir jetzt mit Lebensmittelmarken auskommen.
    Vater wurde in die ehemalige Munitionsfabrik eingewiesen und musste beim Abriss mitarbeiten.
    Er bekam die A-Karte, Mutter und zwei Kinder die E-Karte, auch als Hungerkarte bezeichnet.
    An Schwarzhandel oder teure Bezahlung für paar Lebensmittel war gar nicht zu denken, denn als wir unser Haus verlassen mussten, durfte nur das nötigste mitgenommen werden.
    So machten meine Schulfreundin, deren Eltern ebenfalls ihr Hotel verloren hatten, und ich uns eines Tages auf den Weg in das Nachbardorf Rüterberg, unmittelbar an der Grenze, um paar Kartoffeln zu erbetteln.
    Wir hatten Glück, man füllte uns den Rucksack.
    Auf dem Rückweg führte unser Weg an dem russsischen Wachtposten vorbei. Was die Soldaten untereinander sprachen, verstanden wir nicht und gingen vorbei.
    Ein einheimischer Radfahrer rief uns zu, dass wir gemeint seien. Wir drehten uns um und da standen sie, zwei Soldaten mit angelegtem Gewehr.
    Per Zeichensprache wurden wir in den Wachraum beordert, mussten den Rucksack öffnen, konnten zum Glück den Passierschein für das Grenzgebiet vorzeigen und durften gehen.

    Erst 50 Jahre später bin ich mal wieder in Rüterberg gewesen.
    Bei einem Konfirmandentreffen, dass nach der Wende das erste Mal in meiner Kirche stattfand, wurde ich herzlich von einer Spielkameradin aus der Kindheit begrüßt.
    Sie erzählte mir, dass die Dorfbewohner während der DDR Zeit abends 22.00 Uhr im Dorf sein mussten, denn da wurde das Grenztor geschlossen. Ab 6,00 Uhr wurde das Tor geöffnet.

    Diese kuriose Angelegenheit findet man über Google mit dem Suchbegriff Rüterberg/Dömitz„ für Interessierte nachzulesen.
    Das wurde auch schon öfter im NDR gezeigt.

    https://www.planet-wissen.de/natur/fluesse_und_seen/die_elbe/pwiedorfrepublikrueterberg100.html
    silver-surferin

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