Startseite Foren Literaturzirkel Licht und Schatten Antwort auf: Licht und Schatten

  • Constantia

    Teilnehmer
    12. November 2020 um 20:20

    @seestern47 , und all die anderen, die hin und wieder hier hereinschauen.

    Stichwort Victor Klemperer kann ich sozusagen tagesaktuell eine Geschichte beitragen.

    Heute morgen und dann sich stündlich wiederholend kam die Verkehrsmeldung einer Straßen-/Kreuzungssperrung hier im Dresdner Osten wegen eines Brandes. Später dann war klar, dass die Ruinen der Mälzerei in Dresden-Niedersedlitz lichterloh seit der Nacht brannten. Ich habe dann ein bisschen gesucht und gefunden. Diese Mälzerei wurde von den Gebrüdern Pick Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und war bis in die 90iger Jahre des 20. Jahrhunderts eine gefragte Firma.Wie überhaupt die Industriealisierung in diesem Teil Dresdens über Jahrzehnte ein Zuhause fand und vielen Menschen Lohn und Brot bot. Das allein wäre eine Geschichte Wert. Ich stieß aber auf Julia Pick, eine Ehefrau und Großtante von Hildegard Hamm-Brücher. Diese Frau Pick wiederum taucht in den Tagebüchern von Victor Klemperer auf. Sie lebten gemeinsam in dem Judenhaus Caspar-David-Friedrich-Straße 15b.

    Zitat von Victor Klemperer 20. August, Donnerstag mittag
    Frau Pick hat zum zweitenmal, und diesmal mit Erfolg, Selbstmord verübt. Veronal. Angst vor Gestapomisshandlung beim Abtransport, vielleicht auch Angst vor dem unbekannten Theresienstadt. Sie war in den letzten Tagen überlebhaft, führte abends fast allein das Wort, sagte häufig, man müsse “darüber hinwegdenken”, “darüber hinwegreden”. Dass sie Andenken verschenkte – ihres Mannes Mondstein-Frackhemdknöpfe für ihre Nichte Gaehde, ein schwarzes Oberjäckchen für Eva (die es zu Joachimsthals Leichenfeier ausgeliehen hatte und nun für Frau Pick tragen wird) – das konnte bei der Evakuierung nicht auffallen. – Wieder kam Ida Kreidl morgens herauf. Eva ging als erste herunter, um sieben Uhr, und sagte mir dann, diesmal sei es ernster, sie röchle stark. Eine Viertelstunde später war ich unten, da war schon kein Laut mehr, Mund offen, ein Auge offen, offenbar Tod. Wieder telefonierte ich vom Gärtner Mickley aus, dem ich das ganze Elend erzählte. Ich sagte zu Katz, Frau Pick sei offenbar Tot; er: Er komme gegen elf Uhr. Nachher hatte ich Gewissensbedenken: Ich konnte den Tod nicht mit Sicherheit feststellen, vielleicht war doch noch Rettung möglich – zum Glück für Frau Pick? Ich telefonierte also noch einmal: Katz erwiderte, wenn sich die Natur nicht helfe, so könne er auch nicht helfen, zum Auspumpen sei es bestimmt zu spät. Als er später kam, war schon Leichenstarre eingetreten.

    Und so wird für mich der Brand einer alten eingefallenen Fabrik zu einem Stück Geschichte – mehr als Stadtgeschichte, ein Menschenschicksal. Und wie der Zufall es will, ich hatte heute dort in der Nähe zu tun. Weiträumig abgesperrt. Es muss wirklich heftigst gebrannt haben. Ich konnte es noch riechen.

    https://www.youtube.com/watch?v=yQZo7BWY7_4

    Das Video habe ich gefunden. Es zeigt Blicke auf die Reste der Mälzerei vor dem Brand.

    Constantia

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